FREITAG, 14.11.2008: REITEN IN VIÑALES
von DETLEV BRAACK

Im kubanischen Viñales – so viel weiß ich seit heute früh, 2 Uhr 23 – pflegen Hähne, Hunde, Katzen (und viele andere Tiere wohl auch noch …)
(1) … hauptsächlich des Nächtens,
(2) … in jedem Falle sehr laut und
(3) … kreuz und quer durch den gesamten Ort
zu kommunizieren!!! Und „kommunizieren“ meint an dieser Stelle nicht etwa einen zumindest überwiegend zivilisiert geführten, geregelten Dialog mit klarer Artikulation. Nein!!! Kommunizieren meint hier jede Form hauptsächlich lauten Geräusches – egal, ob Bellen, Kreischen, Jaulen, Krähen, Schreien oder, oder, oder. Nach unserer ersten Nacht in der Casa Esther Nodarse fühle ich mich völlig gerädert. Mir ist, als hätte ich durchgemacht und eine ganze Kiste Cristal-Pils oder 20 Cuba Libre (kubanische Mischung) alleine getrunken. Und ich habe heftige Ohrenschmerzen. Das harte kubanische Toilettenpapier ist als Lärm-Protektor für empfindliche deutsche Ohren einfach nicht geeignet. Denn es hat mich in keinster Weise vor der tierischen Lärmbelästigung geschützt, sondern lediglich heftigen Druckschmerz verursacht. So oder ähnlich muss wohl eine Nacht bei Hagenbeck sein …

Was dem einen das Ohr, ist dem anderen der Magen. Es ist so weit. Alle erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen haben nicht geholfen. Auch die fünf Cuba Libre des vorigen Abends haben den inneren Körperbereich zwischen Lachzentrum und Lende nicht ausreichend aufräumen können. In Viñales erwischt es den Ersten von uns. Christophs Gesicht will einfach keine andere Farbe als die Nicht-Farbe Weiß annehmen – trotz nun schon vier Tagen intensiver Sonnenbestrahlung. Oder schiebt er einen schwachen Magen nur vor, um nicht zugeben zu müssen, dass er sich an den ersten drei Tagen im Fahrradsattel so sehr verausgabt hat, dass er jetzt schon einen Tag Pause braucht? Schaun ’mer mal, was Luxus-Casi zu einer direkten Fortsetzung der Fahrradtour sagt …

Carsten stimmt dem Verbleib in Viñales sofort zu und freut sich diebisch über einen Brückentag. Denn es ist ihm offensichtlich binnen kürzester Zeit gelungen, sich an den kubanischen Luxus mit klimatisiertem Bungalow, hervorragender Klospülung und – last, but not least – individueller Dauerbetreuung durch die wahrhaft attraktive Gastgeberin zu gewöhnen. „Meinetwegen können wir bleiben!“, sagt er mit einem breiten Grinsen im Gesicht und mümmelt dabei genüsslich weiter an seinem gehaltlosen Weißbrot, „habe es letzte Nacht ja auch nicht mehr geschafft, alle spanischen DVDs mit englischen Untertiteln anzusehen.“

Und ich? Einzelzimmer? DVD-Spieler? Attraktive Gastgeberin? Alles Fehlanzeige!!! Ich verbringe meine Nächte in einem 27 Grad warmen Zimmer neben Christoph. Dazu noch dieses ganz spezielle Spanisch von Hausmütterchen Esther, welches ich trotz aller Anstrengung ja so gar nicht verstehe … Was sollte mich hier noch halten? Ich setze mich schließlich an den gedeckten Frühstückstisch in Esthers Wohnzimmer und muss bei dem dabei einsetzenden stechenden Schmerz nicht mehr lange überlegen. Die veränderte Satteleinstellung des gestrigen Tages hat gewisse Teile meines rückwärtigen Körpers offensichtlich doch so beansprucht, dass auch ich einen Tag ohne jeglichen Sattelkontakt für eine ganz hervorragende Idee halte. „Im Übrigen“, gebe ich meinen beiden beisitzenden Kollegen noch zu bedenken, „macht das Grenzbereich-Wippen im Schaukelstuhl an einer stark befahrenen und begangenen Verkehrsstraße, wie sie an Esthers Haus nun einmal vorbeiführt, noch viel mehr Spaß, als das verdeckte Schaukeln in der Villa (Julio y) Cary, bei der lediglich der Mond Zeuge unserer immer ausgefeilteren Technik war.“

Esther bringt das traditionell-kubanische Frühstücks-Omelett und sogleich teile ich ihr unsere Entscheidung mit, einen weiteren Tag zu bleiben. Kurz danach bereue ich diese Entscheidung dann auch schon wieder, denn freudige Erregung unserer Gastgeberin, so wird schnell deutlich, macht die ohnehin schon diffizile Verständigung mit ihr nur noch viel schwerer. Bei dem Schwall an fröhlichen Worten, der da auf unsere völlig überforderten Ohren einprasselt, denke ich nach langer Zeit das erste Mal wieder an Deutschland. Besser gesagt … ich denke an … wie peinlich ……… Verona Pooth. Die redet doch meistens auch wie ein Wasserfall und hat ebenso iberische Wurzeln, oder? Ich beschließe, direkt nach dem Frühstück noch einmal das Namensschild der Casa einer genaueren Inspektion zu unterziehen. (Steht da wirklich Esther dran oder etwa doch der Name dieser penetranten Iglo-, 11880- 08/15- und Für-Was-Auch-Immer-Noch-Werbeikone?)

Wir bleiben also einen kompletten Tag in Viñales. Ok! Und was machen richtige Männer, die entweder über Magenprobleme klagen oder ihren Luxus genießen wollen oder gerade auch stark beanspruchte Sattel-Kontaktpunkte am Podex haben und allesamt nicht Reiten können? Richtig: Sie beschließen, sich auf dem Rücken dreier edler Rösser im wunderschönen Tal von Viñales niederzulassen und ein wenig Bonanza zu spielen. Mit von der Partie bei wieder einmal strahlendem Sonnenschein ist auch unser Führer Pablo, ein original kubanischer Caballero, der am Ortsrand von Viñales schon mit aus einzelnen Tabakblättern selbst gedrehter Zigarre auf uns wartet.

Es ist 12 Uhr mittags. Die Uhrzeit hat etwas Symbolisches. Drei Männer sitzen in mehr oder weniger knalligen Fahrradklamotten auf ihren Pferden und blicken in die Ferne. Und zwar immer in die Richtung, in die sich der scheinbar unsteuerbare Vierbeiner gerade wendet. Stille liegt nun nicht gerade über der Ebene. Vielmehr durchschneidet Dauerlachen das Tal von Viñales. Und unter der falsch herum getragenen Kappe, die uns vor der gnadenlosen Hitze schützt, sitzt der nicht erkennbare Schalk in Jedermanns Nacken. Lediglich Pablo, unser Caballero, schaut etwas skeptisch und scheint sich unter seiner der Reiterei angemessenen Kopfbedeckung zu fragen, wie er die kommenden vier Stunden wohl verleben wird. Nur zögernd zeigt er ein Lächeln und seine drei bis sechs noch verbliebenen Zähne verschiedener Couleur. Cooler Typ …

„Iba!“, schallt es laut. „Los!“ Die Vierbeiner bewegen sich.
Ross und Reiter eine Einheit?
Na ja …
Rhythmus finden …

Auf unserem Weg Richtung Gebirge – es soll zu einer Gebirgshöhle gehen, in der man schwimmen kann – wird sehr schnell deutlich, dass es sich hier nicht um einen gemütlichen Ausritt handelt. Der im Tal von Viñales ausgetragene Wettbewerb ist zwar nirgendwo ausgeschrieben. Und dennoch wird schnell deutlich, dass für zumindest zwei Jockeys das Innehaben der Führungsrolle dieser sich noch unrhythmisch fortbewegenden Karawane eine gewisse Bedeutung hat. Und genau das spiegelt sich dann auch in ihrem atypischen Reitverhalten wider: Um die Spitzenposition gegen überholende Reiter zu behaupten, ist Tempo ein wichtiger Aspekt. Logisch! Bedeutender jedoch – so erkennen die Rivalen schnell – wiegt die Pferde-Lenk-Geschicklichkeit, mit der man gerade in sehr engen Passagen einen Überholversuch des nachfolgend Platzierten frühzeitig unterbinden kann.

Während sich vorne zwei ehrgeizige Möchtegern-Schockemöhles um die Führung streiten, kämpft ein anderer wackerer Caballero weit abgeschlagen und offensichtlich Zügel-los darum, sein Ross auch nur mal ansatzweise in die richtige Richtung zu dirigieren. „Nein, Nein, Nein …“oder „Stopp!“, gerne auch mal ein verzweifeltes „da lang geht es, da lang“, so lauten Kommandos des hart arbeitenden Desperados, die von den weit entfernten Führenden gerade mal noch so zu vernehmen sind. Aber das kubanische Pferd kann oder will einfach kein Deutsch verstehen …

Auf der sechs Kilometer langen Strecke zu den Höhlen (Cuevas) gelingt es durch strategisch geschickten Pferdewechsel und Pablos Hilfe dann schließlich doch noch, das vierköpfige Feld zusammenzuführen, um es kurz danach schon wieder mit lauten „Iba! Iba!“-Rufen und der rasselnden Peitsche von Pablo auseinander zu treiben. Schnell lernen wir den Unterschied zwischen leichtem Galopp und zügigem Trab. Ist der leichte Galopp für den nicht ganz so geübten Reiter als „doch schon ganz schön schnell, aber angenehm rhythmisch“ zu umschreiben, so tut schneller Trab einfach nur – im wahrsten Sinne des Wortes – tierisch weh, rüttelt diese Pferde-Fortbewegungsart doch den kompletten Körper des ungeübten Reiter allzu sehr und vor allen Dingen bis in das letzte Glied durcheinander.

Wir haben wahnsinnig viel Spaß und erreichen nach einstündigem Ritt die Cuevas, an deren Eingang uns ein weiterer Führer empfängt, der nun nicht auf Pferde, sondern auf Höhlen spezialisiert ist. Mit selbst konstruierten, schwer zu umschreibenden Fackeln gehen wir einen rutschigen Weg über Schlamm, improvisierte Stege und schmale Absätze zweihundert Meter tief in die Höhle hinein. Angekommen an dem Piscina de la Cueva (=Höhlen-Schwimmbad) frage ich den Führer, wie viele Gäste denn hier bei Fackelschein baden. „Casi todos“, sagt er kurz und trocken. Auch wenn man meinen könnte, dass gerade der erste Teil dieses Ausdruckes den Spitznamen eines von uns Dreien meint, so steht diese Redewendung doch einfach nur für „fast alle“. Na dann …

Es dauert keine zwei Sekunden bis meine Hose als erste in den Höhlenschlamm fliegt. Schon bald folgen zwei weiteren Beinkleider. Von den am Rand abgestellten Fackeln romantisch beleuchtet, nehmen wir zu dritt ein warmes Höhlenbad und posieren lachend für die Kamera. Bei aller Mühe sollte es unserem erfahrenen Höhlen-Führer in der vorherrschenden Dunkelheit jedoch nicht gelingen, uns alle zusammen hierbei auch standesgemäß abzulichten.

Kurz nach dem Bad sitzen wir wieder auf und reiten los, um auf unserem Rückweg noch an zwei weiteren Hütten Halt zu machen. Dort bekommen wir (mehr oder weniger ungefragt und ungewollt natürlich …) Ananas und trinken Kaffee – alles natürlich gegen Zahlung von ein wenig Kleingeld. Und wieder einmal sehen wir, wie das (Über)leben hier funktioniert: Während wir in die rechte Hand der Gastgeberin den einen oder anderen konvertiblen Peso legen, zahlt sie unserem Caballero mit der anderen Hand Kuba-Pesos als Provision. Teilweise leben hier zwei Menschen in winzigen Holzhütten auf weniger als 10 Quadratmetern. Das Aussehen der Matratzen kommentieren wir aus hygienischen Gründen an dieser Stelle mal nicht. Geht’s uns gut …

Nachdem an einer tiefen Wasserstelle auch die Pferde einen schlammigen Drink nehmen, um dabei gleichzeitig auch noch unseren Füßen inklusive Turnschuhen ein Bad zu bereiten, steigen wir aus dem Sattel, verabschieden uns mit besonders herzlichem Dank bei dem schroff wirkenden, aber sehr herzlichen Pablo und gehen Richtung Ortszentrum. Knapp fünfzehn Kilometer saßen wir im Sattel. Vier Stunden hat dieser Trip gedauert. Unsere nächste Übungseinheit im Schaukelstuhl haben wir uns wahrhaft verdient!!!

Über Esthers Küche und die Tiere, die sich da in ihrem Kühlschrank mehr tot als lebendig neben den Lebensmitteln tummeln, möchte ich so wenig sagen, wie über oben erwähnte Matratzen. Ich möchte auch nicht dran erinnert werden, dass unsere Gastgeberinnen in eben dieser Küche ein wirklich schmackhaftes Abendessen brutzeln, welches wir auf der Veranda ihrer Schwiegertochter bis auf den letzten Bissen vernichten. Ebenso über den Abend, an dem wir das erste Mal mit sehr jungen kubanischen Frauen (besser: Mädchen) konfrontiert werden, die durchaus großes Interesse zeigen, mit wesentlich älteren westlichen Männern anzubändeln, erspare ich mir jedes Wort. Gerade Letzteres will nicht zu unserer sehr individuellen Tour, diesem fantastischen Land sowie den tollen und jederzeit freundlichen Menschen passen.

Lediglich noch ausräumen möchte ich den weit verbreiteten Fehlglauben, dass die Geschichte vom „Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel“ aus den norddeutschen Buxtehude stammt. Die Wahrheit ist anders! Diese Geschichte, so lernen wir an unserem lauen, letzten Abend in Viñales, muss ein Kubaner geschrieben haben! Wie sonst ist es zu erklären, dass uns im Vergnügungszentrum nahe der Kirche von Viñales auch heute Abend wieder die illustre deutsche Radreisegruppe lautstark mit ihren brutalen Dialekten begrüßt?!? „Ick bün all dor“ ist ganz bestimmt kein plattdeutscher Ausspruch. Das ist reeeeiiiiiiiines spanisch – wie mein Kumpel Dittsche wohl sagen würde …

Der eine oder andere, nicht zuletzt ob dieser erneuten Begegnung genossene, Cuba Libre beschert uns einen tieferen Schlaf als noch in der Nacht zuvor. Wir lassen uns auch von lärmenden Tieren nicht stören.

Des isch jo scho mo glar, gell, Häbbätt, Duuhuuu …

Autor: Detlev Braack
Lektor: Christoph Witte
Foto: Carsten Feldmann und Christoph Witte
Abenteuersuchende: Carsten Feldmann, Detlev Braack und Christoph Witte

Was bisher geschah! Das ultimative Cuba Libre Archiv!

 



… und sollte auch unbedingt so gesprochen werden wir hier eindrucksvoll vom Kollegen Braack vorgeführt. Mit dem Englischen wird man auf Kuba übrigens fast nichts, da war es gut das noch jemand spanische Vokabeln gebüffelt hatte…

 
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DONNERSTAG, 13.11.2008: SAN DIEGO DE LOS BAÑOS – VIÑALES
von DETLEV BRAACK

Die Nacht bei Cary ist wahrhaft nicht nur wenig erholsam. Sie ist der blanke Horror! Der bei Erstbesichtigung noch gute Eindruck unserer Villa (Julio y) Cary bestätigt sich nicht. Zu spärlich fließt das Wasser aus der Dusche, zu schwer lässt sich bei 28 Grad geruhsamer Schlaf finden und viel, viel zu durchgelegen sind die Betten. Bei sinkendem Sattel nähert sich tagsüber der Hintern dem Asphalt. Ok, das ist nun mal so, hilft nichts! Aber muss der Podex (wie meine Großmutter immer zu sagen pflegte) deswegen, obwohl gebettet, auch nachts so unglaublich nah am Boden verweilen? Wir meinen NEIN und beschließen schon vor dem Aufstehen, keine weitere Nacht in San Diego zu verbringen, was Cary nicht gerade freundlicher werden lässt.

Schon vor dem Frühstück packen wir unsere sieben oder mehr Sachen zusammen und gehen, da Desayuno nicht wie vereinbart pünktlich um 8 Uhr auf dem Tisch steht, zu einer benachbarten Halle, in der rund 50 kubanische Frauen an großen Tischen sitzen und Tabakblätter vorsortieren. Türen und Fenster stehen offen, und so schauen wir den Kubanerinnen interessiert bei Ihrer Tätigkeit zu. Die Arbeiterinnen mustern uns immer wieder kurz aufblickend sehr skeptisch, bis die morgendliche Stille jäh unterbrochen wird. „Chiiiiiicos!“ schallt es laut vom Eingang unserer Casa Particular. „Chicos!!!“, nun etwas resoluter, „Desayuno!!!“ Wir drehen uns um, erblicken Cary, die Händen in ihre für Schlankheitsfanatiker etwas zu breite Hüfte gestemmt, und verstehen sofort: Antreten, Frühstücksappell, keine Kompromisse! Mahlzeit …

Nach dem Frühstücks-Omelette sehe ich schon Enrique in zerrissenem T-Shirt vor dem Eingang unserer Casa warten. Er ist mit seinem Fahrrad vorbei gekommen, um mich meinen Sattel zu ihrem nächsten Reparaturversuch abzuholen. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass der auf dieser Tour nun schon vierte Mechaniker meines Vertrauens von nach herkömmlicher westeuropäischer Lehrmeinung korrekter Sattelhöhe so überhaupt nichts zu halten scheint. Denn der kleine Enrique sitzt auf seinem blauen Mountainbike noch näher am Asphalt als ich selbst auf meiner Eierfeile (Zitat von „Ich-Lass-Mich-Doch-Von-DIR-Nicht-Überholen-Bergziege“ Christoph …). Na, das kann ja was werden …

Da Carsten noch ein wenig in Kosmetik machen muss, folge ich Enrique mit meinem Fahrrad alleine. Wir verlieren uns in belanglosem Smalltalk, doch als ich bemerke, dass unsere Tour immer weiter aus der Stadt hinaus führt und mich in offensichtlich immer ärmere Stadtviertel bringt, werde ich unruhig. Nach kurzem Schweigen und circa einem Kilometer frage ich vorsichtig: „Enrique, how far do we go?“
„Just a few meters left“ antwortet er und zeigt auf ein hellblaues kleines Häuschen am rechten Straßenrand.

Etwas mulmig ist mir schon, als ich mein Fahrrad durch das kleine, natürlich eingeschossige Wohnhaus in den Hinterhof schiebe, wo uns ein stämmiger Mechaniker mit freiem Oberkörper und schwerem Hammer in seiner rechten Hand erwartet. Die zwischen Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand tätowierten drei Punkte tragen nicht zur Beruhigung meiner ohnehin schon recht angeregten Gedanken bei. Worauf habe ich mich hier nur eingelassen? Nie habe ich mich so sehr nach Casi gesehnt wie jetzt …

Enrique (nur passiv, viele Anweisungen gebend) und sein Mechaniker (sehr aktiv, vielen Anweisungen strikt folgend) leisten hervorragende Arbeit und sollen – so stellt sich im weiteren Verlauf der Tour heraus – die letzten „Poncheros“ sein, die sich um meinen Sattel kümmern. Ein mit dem Hammer in das Sattelrohr getriebenes Metall lässt dem Fahrradsitz keine Chance mehr abzusinken. Ich zahle angemessen, lehne Tour-Begleitung für die nächsten drei Tage durch Enrique ab, verlasse erleichtert das Haus und kurz danach auch Cury. Nächstes Ziel: Viñales.

Von Diego de los Baños aus fahren wir die Carretera westwärts Richtung Consolación del Sur, den Blick ständig auf kleine Bäche, sattes Grün, umgestürzte Bäume und abgerissene Häuserdächer gerichtet. So freundlich alle Menschen auch sind und so aufgeregt die Kinder sich zeigen, wenn sie an den Straßenrand in unsere Richtung laufen und laut rufend mit dem Finger auf uns zeigen, so sehr können wir abschätzen, mit welcher Macht der Hurricane im März dieses Jahres gerade diesen Landstrich erfasst haben muss. Verwüstung und umgerissene Bäume allenthalben.

Unseren Plan B für diesen Tag, im Falle einer weiteren Panne schon vor Viñales eine Unterkunft zu suchen, legen wir schnell ad acta, denn wir sehen einfach keine offiziellen Casas Particulares am Rande der Strecke. Und in einer inoffiziellen Casa zu schlafen, kommt für uns nicht in Frage. Allzu oft hörten wir von Kuba-Reisenden, die derartige Casas alleine mit ihrer Unterwäsche, keinesfalls jedoch mit ihren Wertsachen, verlassen mussten. Insgesamt werden wir bei tropischen Temperaturen also wohl eine Strecke von gut 60 Kilometern zurücklegen müssen. Aber wir haben ja den ganzen Tag Zeit …

25 Kilometer vor Viñales biegen wir von der sehr schönen Carretera ab, um vor unserem Zielort noch den einen oder anderen Höhenmeter zu bewältigen und weitere zwischenmenschliche Kontakte zu pflegen. Da ist zunächst der Alte, der ganz alleine, ohne Stuhl und ohne seine Zähne, nahe einem riesengroßen Che Guevara-Billboard am Straßenrand kauert und uns mit mühsamer Stimme die Strecke zu unserem Zielort weist. Als wir schon weiterfahren wollen, hält ein amerikanischer Schulbus aus den Sechzigern. Geschrei dringt auf die Straße. In den offenen Fenstern sehen wir neugierige, lachende Gesichter. Hände von jungen Mädchen in Schuluniform strecken sich uns entgegen. „Holá“ und „Chiclets“ schreien sie in unsere Richtung und lachen weiter.
Herzergreifend …
Und so ergreife ich dann auch einen bunten Lolly in Herzform, um ihn einem Mädchen in das geöffnete Fenster zu reichen.
Sind wir die fantastischen Drei, eine Popband oder warum fährt der Bus mit noch größerem Geschrei und Gelächter ab als er gekommen ist?!? Dieses Lachen, diese fröhlichen Augen …

Mit einem Lolly weniger und viel positiver Energie im Gepäck wird der Aufstieg nach Viñales nicht etwa schwerer, sondern deutlich leichter. Wir bewältigen die kommenden Anstiege problemlos. Am Ende des Tages haben wir knapp 600 Höhenmeter überwunden, die sich auf etwas mehr als 67 Kilometer verteilen. Der höchste Punkt der Etappe liegt kurz vor Ende unserer Tagestour auf über 200 Meter Höhe und bietet einen fantastischen Blick auf das Valle Viñales, das Tal von Viñales, welches sich schier endlos vor einer fernen Bergkette ausbreitet. Fototermin …

Wieder einmal erreichen wir unser Ziel ohne auch nur einen Tropfen Wasser in unseren Trinkflaschen zu haben. Sehr kritische Versorgungslage und so suchen wir das nächst beste Restaurant auf, bestellen Getränken und verwöhnen unseren Magen ein weiteres Mal unter anderem mit braunem Reis. Ob die beiden ortsansässigen Hotels tatsächlich ausgebucht sind, wie uns der Kellner des Restaurants glauben macht, oder ob diese Auskunft vorgeschoben wird, um uns den Weg zu zwei Casa Particulares, die von Familienmitgliedern derselben Bedienung geführt werden, schmackhaft zu machen, bleibt für immer ungewiss.

Für uns jedoch das wichtigste nach einer weiteren Hitzeschlacht: Wir haben – sorgsam vorab inspiziert – wohnliche Zimmer mit festen Betten, die unsere Körper gewiss weit über dem Boden halten werden. Während Christoph und ich ein Zimmer in der Casa Esther Nodarse teilen, macht es sich Carsten bei Esthers Schwiegertochter in einem gegenüberliegenden eigenständigen Gebäude bequem und erfährt Luxus pur: Eine geräuscharme Klimaanlage, ein Bad, welches auch west-europäischen Maßstäben gerecht wird und als Krönung dann noch ein DVD-Recorder sowie eine breite Palette an Filmen! Herz, was willst Du mehr?

In einer gut besuchten Salsa-Bar an der einzigen Hauptstraße der 4.000-Seelen-Gemeinde Viñales feiern wir den zweiten Tag ohne Panne und stellen mit Freude fest, … dass wir heute mal nicht auf die andere deutsche Radreisegruppe mit den vielen furchtbaren Dialekten getroffen haben und
… dass offensichtlich auch in Viñales, wie in allen anderen kubanischen Orten, der Cuba Libre genauso viel Alkohol enthält wie mindestens drei Cuba Libre im dieser Tage von Kälte und Schneefall heimgesuchten Deutschland.

Na dann: Prost!!!





Autor: Detlev Braack
Lektor: Christoph Witte
Foto: Carsten Feldmann und Christoph Witte
Abenteuersuchende: Carsten Feldmann, Detlev Braack und Christoph Witte

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MITTWOCH, 12.11.2008: VILLA SOROA – SAN DIEGO DE LOS BAÑOS
von DETLEV BRAACK

Wiederum sehr früh am Morgen öffnen wir unsere Augen. Kein Wunder, scheint uns doch die Sonne direkt ins Gesicht. So ist es halt, denke ich, wenn man keine Gardinen hat. Und der immer noch auf Hochtouren laufende Generator weiß auch zu verhindern, dass man sich noch einmal umdreht, um den Tag gaaaaanz langsam anzugehen. Dusche, Abstieg zum Haupthaus, Frühstück. Gleich nach dem Frühstück widmen wir uns meinem Sattel und sind schon bald verhalten optimistisch, dass die zur Verengung des Rohres genutzte aufgeschlitzte Bucanero-Dose späteres Absinken meines Sattels verhindern kann.

Gegen 11 Uhr machen wir uns auf zum Mirador (= Aussichtspunkt). Am Ende des holprigen Aufstieges werden wir durch einen Ausblick belohnt, der Seinesgleichen sucht. Grün so weit das Auge reicht, in alle Richtungen. Vögel kreisen um unsere Köpfe. Beeindruckend! Auf dem Aussichtspunkt sitzt bereits ein freundlicher, aber sehr zurückhaltender Kubaner, der täglich fünf Kilometer geht, um danach den Gipfel zu besteigen, beladen mit Getränken, kühlendem Eis und selbst gebasteltem Schmuck, den er hier verkauft. Wie viele Touristen täglich wohl auf den Aussichtspunkt kommen, wollen wir wissen. „Im Durchschnitt? 30 vielleicht. Más ó menos …“ Alleine schon, um seine täglichen Mühen zu belohnen, kaufen wir dem Gipfel-Kaufmann eine Dose Becks-Bier sowie Wasser ab und begeben uns auf den Abstieg zum Salto, dem Wasserfall, circa 300 Höhenmeter unter uns. Nach umfangreichem Fotoshooting begeben wir uns das letzte Mal auf den beschwerlichen Weg zu unserer Herberge. Schnell wollen wir zusammenpacken, um weiter Richtung Westen zu fahren. Obwohl die Tour abseits der Hauptstraße landschaftlich deutlich attraktiver sein soll, entscheiden wir uns, in der Nähe der ohnehin nur spärlich vorhandenen kleinen Orte zu bleiben. Denn nur, wo ein Ort ist, vermuten wir auch Poncheras, die uns im doch recht wahrscheinlichen Bedarfsfall hilfreich zur Seite stehen können.

Gegen 14 Uhr verlassen wir die Villa Soroa, um eine halbe Stunde später in San Cristobal dann auch schon die erste Ponchera des Tages anzufahren. Es fährt sich einfach nicht gut, wenn der Hintern zu nah am Asphalt ist. Schnell scharen sich drei hilfsbereite Mechaniker um das nach kubanischen Maßstäben wohl zumindest als Hightech-Gerät zu bezeichnende Gefährt. Trotz zusätzlicher Motivation durch flugs gekaufte Kekse wird auch diese Reparatur den Sattel nicht wie gewünscht stabilisieren.

Dass Wunsch und Wirklichkeit oft weit auseinander liegen, muss auch Christoph in San Cristobal beim Wassereinkauf erfahren. Denn ihm wird auf seinen doch so klar in Spanisch artikulierten Wunsch nach „aqua“ nur Irritation von der gegenüber sitzenden Alten entgegengebracht.
„Qué???“ fragt die Alte irritiert.
„Aqua!!!“ wiederholt Christoph.
Die Mine der Alten hellt sich umgehend auf.
„Aaaah, sííííí!“, sagt sie, um sogleich unter dem Verkaufstresen zu wühlen und dem erstaunten Hispano-Deutschen mit breitem zahnlosen Lächeln … Gummistiefel vorzulegen. Spanisch: 6. Setzen!!! Aber witzig ist es trotzdem …

Wir verlassen San Cristobal und setzen unseren Weg fort. Ziel: San Diego de los Baños in der westlichsten kubanischen Provinz Pinar del Río. Bis dort sind es circa 60 Kilometer, die wir unseren Rädern heute durchaus zutrauen. Und so folgen wir bei inzwischen 35 Grad im Schatten und strahlendem Sonnenschein der parallel zur Autopista verlaufenden Carretera Central. Wiederum wunderschöne Landschaften eröffnen sich links und rechts der meist flachen, nur wenig befahrenen Strecke. Immer wieder überqueren wir verrostete Brücken, links und rechts des Weges mehr und mehr entwurzelte Bäume. Resultat zweier Hurricans, einer von ihnen Ike, zu Beginn des Jahres. Naturmacht pur, die nicht nur die Landschaft veränderte, sondern auch viel Häuser in den wenigen durchfahrenen Orten zerstörte. Immer wieder sehen wir abgerissene Dächer oder Teile abgerissener Dächer, Notbehausungen, Armut. Und immer wieder werden wird unser im Vorbeifahren oft ausgerufenes „Holá“ von kubanischen Männern freundlich erwidert, während die Frauen eher skeptisch-zurückhaltend schauen. Fröhliche und aufgeregte Kinder winken uns, laufen an die Straßen oder Zäune, rennen auch mal parallel mit uns mit und fordern mit lachenden Augen „Chiclets“. Hätte ich doch bloß mehr von diesen farbenfrohen Lollies mitgenommen …

Nach 60 Kilometern mit nur 320 Höhenmetern erreichen wir kurz vor Sonnenuntergang San Diego de los Baños. Da dort kein herkömmliches Hotel zu bekommen ist, beschließen wir, unsere ersten Erfahrungen mit den für Kuba typischen Casas Particulares zu machen. Empfohlen wird uns die Villa Julio y Cary. Eine erste vorsichtige Begutachtung der Zimmer, insbesondere von Christoph sehr kritisch durchgeführt, endet positiv, und so bekunden wir der resoluten Hausherrin (Cary?) gegenüber, dass wir gerne bleiben möchten und zwei Zimmer benötigen. (Da wir dem zweiten Namensgeber Julio während unseres gesamten Aufenthaltes nicht begegnen, liegt es nah, dass er, von Carys herrischem Treiben getrieben, schon vor langer Zeit das Weite gesucht hat.)

Cary weist uns ein Einzel- und ein Doppelzimmer zu. An diversen Schaukelstühlen vorbei betreten wir die Habitaciones, um dort sodann unsere ersten Erfahrungen mit den brasilianischen Duschen zu machen, die wir bislang nur aus dem ganz hervorragenden englischen Bicycling Cuba-Reiseführer von Wally und Barbara Smith kennen. Auch bei Cary wird das Wasser erst warm, wenn man den nahe dem Duschkopf-ähnlichen Gestell befindlichen Schalter von Off auf On stellt. Bevor unsere herrische Wirtin zum Abendessen ruft, beginnen wir auf der Veranda unseres Domizils mit den ersten Trainingseinheiten im Schaukelstuhl. Schon bald reizen wir die liebe lange Länge der gebogenen unteren Kufen aus – immer wieder kurz davor, einen rückwärtigen Überschlag mit Hauswandkontakt zu vollführen. Wenn das Cary wüsste, die in der Küche unser dreigängiges Menu bereitet. Lange kein Hähnchen mehr gehabt …

Bei wunderschönem Vollmond beschließen wir, noch einen kurzen Gang durchs Dörfchen zu machen, um sodann wieder umzukehren. Zu dunkel sind die Gassen. Wir fühlen uns nicht sicher und beschließen, einen kurzen Absacker im Hotel Mirador zu nehmen. Mit Freude hören wir schon von Weitem die Rhythmen kubanischer Musik, um kurze Zeit später mit Ernüchterung die bekannten Gesichter der uns schon bekannten Reisegruppe aus der Villa Soroa zu sehen, die uns insbesondere beim Abendessen dort schon aufgefallen sind. Und das Schlimmste: Sie sprechen immer noch in ganz vielen furchtbaren Dialekten über diverse Reiseerfahrungen. Um mal wieder etwas Französich in den kubanischen Alltag zu bringen: „Bonjour, Tristesse“ oder: „Ein Hoch auf die Individualreise“ …

Wenig später sitzen wir am Tisch von Enrique, der mir als ortsansässiger Mechaniker vorgestellt wird. Enrique ist Kubaner, sehr freundlich und spricht hervorragendes Englisch. Dass seine ebenso am Tisch sitzende Gattin nicht mehr als eine Handvoll Zähne im Mund hat, macht die Unterhaltung nicht weniger abwechslungsreich. Jedoch, als die Diskussion politischer wird, Enrique immer mehr von seinem selbst gebrannten Rum ausschenkt und ich plötzlich das Animal Farm-Zitat „Some animals are more equal than others“ von rechts vernehme, beschließe ich, dem Gespräch nur noch passiv zu folgen. Ich bin mir in diesem Moment nicht sicher, ob wir unseren Freund Carsten am nächsten Tag noch am Frühstückstisch begrüßen werden können …

Zum Abschluss vereinbare ich mit Enrique, dass er mich am kommenden Tag gegen 9 Uhr bei Cary (und Julio?) abholt, um den nun schon vierten Versuch zu unternehmen, meinen Sattel auf einer meiner Körpergröße angemessenen und mir angenehmen Höhe festzustellen.

Autor: Detlev Braack
Lektor: Christoph Witte
Foto: Carsten Feldmann und Christoph Witte
Abenteuersuchende: Carsten Feldmann, Detlev Braack und Christoph Witte

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