Grand Tour de Cubas Oriente | HOLGUÍN – GUARDALAVACA

SAMSTAG, 12.12.2009: HOLGUÍN – GUARDALAVACA
von DETLEV BRAACK


Wer bitte schön schafft es, bei so lauter Musik einzuschlafen?
Wer soll bei 1,40 Meter Bettbreite durchschlafen?
Wer soll an einer Hauptverkehrs-Einbahnstraße, die abwechselnd von laut röhrenden LKWs, amerikanischen Straßenkreuzern, stinkenden Zweirädern und offensichtlich mit Holzrädern ausgestatteten Pferdekarren befahren wird, ausschlafen?

Seit drei Uhr nachts wälzen wir uns in dem schmalen Bett – inzwischen dann auch mit Ohropax und Papierschnipseln in den hierfür vorgesehenen Körperöffnungen. Mal redet der eine laut, dann spürt man den Hintern des anderen am eigenen Gesäß und als schlechte Abwechslung nervt dann auch schon wieder die knarzende Klimaanlage. Zumindest aber übertönt diese Frischluft spendende Anlage das laute Röhren der nicht enden wollenden Karawane unterschiedlichster Fahrzeuge. Das Schlimmste an dieser Nacht jedoch scheint die durchgelegene, durchgehende Matratze. Sie gibt dem jeweils anderen Schlafenden nur allzu oft das Gefühl, als würde auf der anderen Seite des Bettes – parallel zur eigenen Nachtruhe – die Trampolinweltmeisterschaft ausgetragen werden. Erstmals auf kubanischem Boden, versteht sich. Alles in allem ist es also eine nicht mit höchstem Erholungswert versehene Nacht, für die wir an ihrem frühzeitigen Ende jedoch mit einem guten, nur 2,50 CUC (konvertible kubanische Pesos) teuren ‚desayuno con frutas y tortilla’ belohnt werden.

Schon um 8:30 Uhr verabschieden wir uns bei bereits 27 Grad im Schatten lauthals und per Handschlag von unseren freundlichen Gastgebern, um die von mehr Pferdekarren und Fahrrädern als Autos befahrene Einbahnstraße Richtung Guardalavaca ortsauswärts zu radeln. ‚Schnell raus aus der Stadt’ denken wir. Und wir haben diesen Gedanken auch schon fast zu Ende geführt als lockere Lenker und lose Vorderräder einen ersten Stopp erzwingen. Damit steht auch schon fest, dass wir es selbst mit eigenen Rädern nicht im Ansatz so weit geschafft haben wie im vergangenen Jahr, wo uns erst nach – aus heutiger Sicht beachtlichen – drei Kilometern ein ‚Plattfuß’ am Malecón von Havanna zum Anhalten zwang. Nach leichten Korrekturen an den Rädern und dem Einkauf erheblicher Wasserreserven an der erstbesten Tankstelle fahren wir endlich Richtung Stadtausgang!

Schnell werden Erinnerungen wach, was uns auch dieses Jahr wieder erwarten wird: Ein kubanisches Straßenbild, welches besonders stark geprägt ist durch Fahrräder, Fahrradtaxis, Pferdefuhrwerke und Karren, die von Ochsen gezogen werden. Allgegenwärtig auch die vielen Menschen, die insbesondere Richtung Ortsausgang am Straßenrand stehen und geduldig auf eine Mitfahrgelegenheit warten, die sich dann irgendwann auf einer LKW-Ladefläche oder (im selteneren Fall) in einem Bus finden wird.

Die Behausungen werden ärmlicher, alle Verkaufs-buden, welche die Straße zunächst noch säumen, sind nun passiert. Auf der gut ausgebauten Straße gibt es oft nur uns mit unseren Rädern und Packtaschen, die sich doch deutlich schwerer anfühlen, als ich es mir vorab ausgemalt hatte. Gerade bergauf wird mehr als deutlich, dass diese Tour anders zu bewerten ist, als eine Fahrt mit leichtem Rucksack oder ohne Gepäck. Möglichkeiten, Wasser zu kaufen, gibt es auf unserer heutigen Tagestour nur noch einmal nach rund 35 Kilometern. Schweißtreibende Angelegenheit …

Nach 59 Kilometern mit 330 Höhenmetern und einer reinen Fahrtzeit von 2 Stunden und 45 Minuten erreichen wir das bereits vorab gebuchte Brisas Hotel in Guardalavaca. Uns ist klar, dass wir hier zum vorerst letzten Mal eine reiche Auswahl an westlich anmutendem Essen vorfinden werden und so attackieren wir umgehend das Buffet. Der Nachmittag gehört dann dem Pool, den mitgebrachten Büchern und dem einen oder anderen Cuba Libre mit Limón. Weit über 35 Grad laden zum Faulenzen ein.

Als nach einem heftigen, abendlichen Regenguss gegen 22 Uhr der ultimative Tageshöhepunkt angekündigt wird, da zwischen der deutschen Rebecca sowie den beiden englischen Teilnehmerinnen Judy und Patricia die Miss Guardalavaca gewählt werden soll, geht in Zimmer 208 das Licht aus. Denn morgen geht es auf die 120 Kilometer entfernt gelegene Insel Cayo Saetía.

Autor: Detlev Braack
GPS: Christoph Witte
Foto: Detlev Braack und Christoph Witte
Abenteuersuchende: CasEr nicht, Detlev Braack und Christoph Witte

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Grand Tour de Cubas Oriente | Im Anflug

FREITAG, 11.12.2009: HAMBURG – FRANKFURT – HOLGUÍN
von DETLEV BRAACK

Drei Wochen nur mit dem Rad unterwegs.
Noch nie gemacht.
Nicht mal im Ansatz.
Und jetzt gleich … Kubas kompletter Orient!
Viele offene Punkte, Fragen über Fragen…

Rad nicht verpacken oder doch? Wie viel Gepäck auf solch’ eine Tour mitnehmen? Was kann man vielleicht doch zu Hause lassen, um das Gesamtgewicht zu reduzieren? Packtaschen einzeln aufgeben? Oder zusammenbinden und mit einem Müllbeutel umwickeln? Die Tour dann im oder gegen den Uhrzeigersinn radeln? Wie geht der Wind, wie wird das Wetter sein? Alle Fragen des üblichen Reise-Vorgeplänkels sind jetzt, am Tag der Abreise – mehr oder weniger zufrieden stellend – beantwortet. Endlich geht es los.

Morgens, halb fünf in Deutschland … Mit meinem Deuter-Fahrradrucksack stehe ich im Hauseingang einer dunklen Straße in Hamburg-Uhlenhorst und warte auf das Taxi mit Christoph. Bereits am Vorabend war mein Freund Torsten so nett, uns mit unseren Riesen-Fahrrad-Kartons (Fahrradtransport Hamburg-Frankfurt mit Lufthansa kostet € 70,- pro Flug und Fahrrad, mit Condor kostet die Strecke von Frankfurt nach Kuba etwas mehr als die Hälfte. Ist das logisch?) sowie je zwei Ortlieb-Packtaschen in durchsichtigen Lufthansa-Beuteln (Christoph: 13 kg, ich: 16 kg – woher diese Differenz kommt, habe ich bis heute nicht so richtig verstanden …) zum Flughafen zu fahren.

Dass der dann folgende Late-Night-Check-in gefühlte zwei Stunden und damit – passend zur bevorstehenden christlichen Zeit – mehr als vierundzwanzig mal so lang dauerte wie jeder normale Check-in, ist zu dieser dann doch eher unchristlichen Zeit schon komplett vergessen. Ob die schlussendlich in Kartons verpackten eigenen Räder Holguín im gewünschten Zustand erreichen werden, bleibt für jetzt und die folgenden fünfzehn Reisestunden ungewiss. Die Zustimmung des Flughafenmitarbeiters bei Abgabe der Räder, geäußert in seinem Kommentar „Da wird bestimmt nix dran kaputt gehen“, gibt Anlass zur Hoffnung, dass die „Grand Tour de Cubas Oriente“ tatsächlich am 12.12.2009 gestartet werden kann …

Frankfurt erreichen wir mit Lufthansa um immer noch früh morgendliche 7:30 Uhr. Obwohl sich heute früh nicht gerade ‚Selten-Flieger’ auf den Weg gemacht haben, bedarf es danach wahrhaft detektivischer Spitzenleistungen, um das richtige Gate für den Weiterflug zu finden. Doch auch das kann uns jetzt nicht stoppen. Und so hebt die Boeing 767 gegen halb zehn nahezu pünktlich gen Osten ab.

Wohl niemals zuvor saß eine größere Vielfalt – Mensch und Tier – so eng zusammen, wie an eben diesem Morgen: Die auffallend unnatürliche Blondine mit ihrem kleinen Hund auf dem Schoß direkt vor uns, der bereits nach Alkohol stinkende und selbigen schon kurz nach dem Start wieder verlangende Symbol-Hemd-Träger direkt daneben. Aufgeregt schnatternde kubanische Frauen mit ausladenden Bäuchen schaffen es doch tatsächlich lautes Kindergeschrei sowie das nur zeitweise zu vernehmende Bellen des Spitzohr-Hundes vor uns noch zu übertönen. Nur einer bleibt ruhig. Ohne dass er es erfährt, taufen wir ihn … ‚Don Pedro’ – der Pate von Cuba, dem die Hand auch im Schlaf schon mal gerne ausrutscht. Er setzt sich auf den ihm zugewiesenen Platz und fällt sofort in einen Tiefschlaf, aus dem er nur noch einmal erwachen wird. Und zwar in dem Moment, da ihm sein zweites Kuschel-Kissen, welches er mir gleich zu Beginn geklaut hat, vom Boden aufsammeln muss. Den Gratis-Begrüßungs-Cocktail um halb 11 verschläft er …

Zehneinhalb Stunden später ist es geschafft. Flug DE 5196 setzt auf der holprigen Piste von Holguín auf. Schon bald queren wir zu Fuß das Rollfeld und spüren mehr als 30 Grad bei strahlendem Sonnenschein um 14:00 Uhr Ortszeit. Geschafft!

Nach zwei Stunden, drei Einreisekontrollen und zusätzlicher Anmeldung des Netbooks beim kubanischen Zoll stehen wir auf der Suche nach einem Taxi vor der Tür des Flughafengebäudes. Neben und vor uns die riesigen, von wem auch immer aufgerissenen Fahrrad-Kartons sowie die durchsichtigen Tüten mit den Fahrrad-Packtaschen. Der erste Schock darüber, dass unsere Fahrrad-Kartons weit aufgerissen durch die Masse der Schaulustigen das Kofferband entlang fuhren, ist vergessen. Die erfolgreiche Kuba-Einreise wird sodann mit einem (oder zwei) Cristal und einem weiteren Bucanero vom sofort präsenten Straßenhändler gefeiert.

Harald Schmidt …
Da ist er wieder!
Der Typ, der aussieht wie Harald Schmidt.
Der Typ, der sich insbesondere aber auch dadurch auszeichnet, dass er mit weit aufgerissenem Mund schläft und – wie wir später lernen sollten – in Holguín dafür bekannt ist, nur dreieinhalb Monate für eine komplette Kuba-Runde mit dem Fahrrad zu benötigen. Ein kurzes Gespräch mit Kuba-Kenner Johannes, wie er tatsächlich heißt, und schon sitzen wir mit Haralds Double und seinem kubanischen Empfangskomitee, Alina und Francisca, in einem großen Taxi. Neben und über uns die eigenen und Haralds, ääääh, Johannes’, Fahrradkarton. Obwohl sich der Chauffeur zunächst noch händeringend gegen Mitnahme des dritten Kartons gewehrt hat, freuen wir uns nun, dass dieser einen ganz hervorragenden Tisch für das noch nicht ganz geleerte erste 2009er-Kuba-Bucanero bietet.

Die zwölf Kilometer vom Flughafen in die „City“ von Holguín vergehen Dank Harald und seinen beiden „Freundinnen“ wie im Fluge. Bei Ankunft in der vorab aus Deutschland gebuchten Casa Particular bei Señora Cary ist man hoch erfreut über uns und unser nicht zu übersehendes üppiges Gepäck. Dennoch lernen wir schon bald von der harsch herrschenden Hausherrin, dass wir uns – trotz Reservierung – auf eine andere Casa einstellen müssen. Schade eigentlich, hatten wir doch die Casa bei Señora Cary extra ausgewählt, weil sie uns nach anstrengender Reise zwei Einzelzimmer in ruhiger Lage versprach.

Nun denn, nach Besichtigung alternativer Unterbringungs- möglichkeiten lassen wir uns erschöpft auf Unterbringung in der nahen Casa Juan mit einem einzigen 1,40 Meter breiten Bett ein. Es ist bereits dunkel und die Fahrräder, die sich noch im Innenhof des Hauses der um uns herumsitzenden, sehr interessierten Familie der Señora Cary befinden, wollen ja auch noch zusammengebaut werden – Überprüfung auf Vollständigkeit und Unversehrtheit inklusive …

Nachdem der erste Ärger über Lackschäden sowie abgebrochene Fahrrad-Halterungen verflogen ist und die Drahtesel für den morgigen ‚Ritt’ nach Guardalvaca (angebliche Entfernung: 57 Kilometer) montiert sind, werfen wir unsere Sachen in der neuen Casa ab und essen danach in der Innenstadt – wie wir es nicht anders aus dem letzten Jahr kennen – frittiertes Hühnchen mit Reis zu Abend – keineswegs jedoch ahnend, dass währenddessen neben unserer Unterkunft die lauteste Musikanlage Kubas aufgebaut wird …

Autor: Detlev Braack
GPS: Christoph Witte
Foto: Detlev Braack und Christoph Witte
Abenteuersuchende: CasEr nicht, Detlev Braack und Christoph Witte

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Cuba libre | The return of the running cyclists

Endlich ist es soweit: Mein erster ordentlicher Urlaub in diesem Jahr steht an! Da es wieder ein Radurlaub werden sollte, und aufgrund der guten Erfahrungen des letzten Jahres, musste es wieder Kuba werden als Reiseziel. Diesmal allerdings der Orient, auf eigenen Drahtrössern und ohne Erholungsteil. 3 Wochen Radeln pur bei frittiertem Huhn, Reis und schwarzen Bohnen. So kalorienarm werde ich nie wieder über die Weihnachtszeit kommen!

Die ersten Tagesabschnitte sind bereits metergenau geplant:


Größere Kartenansicht

Detlev hat ein Netbook dabei und den Auftrag das Geschehen genauestens festzuhalten. An einer tagesktuellen Veröffentlichung der Touren arbeite ich noch. Mal sehen…

PROST!


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Kuba Urlaub | 7. Tag – Ankunft in La Guabina

SAMSTAG, 15.11.2008: VIÑALES – FINCA LA GUABINA
von DETLEV BRAACK

Weder die am Vortrag im Pferdesattel durchrittenen 15 Kilometer noch das vierte Zusammentreffen mit der stark dialektisch geprägten deutschen Reisegruppe hält uns am Morgen des 15. Novembers davon ab, voll motiviert an die nächste Etappe heranzugehen. Doch welchen Ort nehmen wir uns als Tagesziel? Vor dem abermaligen Sprung auf den Fahrradsattel steht die beim kubanischen Einheitsfrühstück ausgiebig diskutierte Frage, wo wir am kommenden Abend nächtigen möchten. Unter Konsultation unserer wortreich und fachkundig beratenden Gastgeberin Esther sowie ihrer Schwiegertochter gewinnen wir die doch eher unerwartete Erkenntnis, dass es nur wenige Hotels oder Casas gibt, die bei realistischer Bewertung heute noch erreichbar sind.
Hierbei berücksichtigen wir selbstverständlich auch die jedem Kuba per Fahrrad-Erfahrer bekannte Gleichung:

Σ Muskelmasse + Anzahl funktionierender Gänge x Pannenwahrscheinlichkeit : Ponchera-Dichte im befahrenen Gebiet = RRR (Realistische Reichweiten-Region)

Schließlich entscheiden wir, auf einer auch unserem Reiseführer noch unbekannten Strecke die circa 60 Kilometer entfernte Finca La Guabina anzusteuern. Dort soll uns – glaubt man unseren hilfreichen und dabei sehr wortreichen Gastgeberinnen – ein idyllisches, abseits jeglicher Zivilisation gelegenes Hotel auf einer Pferderanch erwarten. In einer telefonischen Vorab-Anfrage gibt die Finca-Verwaltung grünes Licht und das Hotel verspricht, Zimmer für uns bereit zu halten. Nur noch schnell den bereits avisierten Hotel-Voucher in der einzigen Reiseagentur des 4.000 Seelen-Ortes Viñales abholen und los geht’s!

Los geht’s?!?
Nix geht los!!!
Ärger geht los …

Bei einer langen Radtour unter praller Sonne kommt Wasser mit Vitamin-Tabletten sicherlich gut! Was hingegen (auch bei freundlichen Kubanern) weniger gut kommt, ist, wenn man knapp einen Liter eben dieses Wassers in der einzigen Reiseagentur von Viñales gleichmäßig auf dem Boden verteilt. Gerade früh am morgen kann der ansonsten wirklich sehr freundliche Kubaner, auf eine derartige Aktion schon mal gereizt reagieren. Trotz dieses ungewollten, sehr klebrigen Intermezzos unseres Luxus-Kumpels erhalten wir den Voucher. Nachdem zehn Minuten später dann auch die bei Verschütten des kühlen Nass aufgeschlagene alte Wunde am Knie wieder gestillt ist, geht es dann doch noch los. Bloß schnell weg, bevor einer von uns noch verhaftet wird. Wir verlassen Viñales auf dem schnellsten Weg und fahren auf der Hauptstraße in Richtung Pons.

Das Tal von Viñales ist einfach wunder-, wunder- wunderschön. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine schönere Landschaft gesehen zu haben. Gebirgszüge, einzelne, hoch ragende Berge, kein Verkehr, keine Menschen, viel sattes Grün. Bei aller Schönheit gerät in Vergessenheit, dass wir so gar nicht abschätzen können, was uns und unsere ausgeruhten Beine erwartet. In unserem Kuba-Reiseführer ist diese Tour nicht beschrieben. Egal, denn auch rein „radfahrerisch“ macht es einfach nur Spaß, die kurzen, recht flachen Anstiege zu nehmen, um kurz danach wieder locker abzufahren. Lediglich die unübersehbaren Auswirkungen der Hurricanes wecken Betroffenheit. Im Westen (Kubas) nichts Neues. Aufgrund des intensiven landschaftlichen Erlebnisses und der nur ganz, ganz selten anzutreffenden, immer freundlichen Menschen genießen wir die Tour – jeder für sich, jeder auf seine Art …

Nach ungefähr 20 Kilometern machen wir in einem Schatten spendenden Wartehäuschen am Rande der Strecke nahe der Abzweigung nach Moncada unsere zweite Pause. Wieder einmal müssen wir stark mit unseren Getränken haushalten, da weit und breit keine Möglichkeit besteht, neue Getränke zu erwerben.

So eine Wasseraufnahme-Pause ist – vergisst man mal das kühle Nass, welches man sich da in die Kehle kippt – tendenziell ja doch etwas „sehr Trockenes“: Man redet nicht unbedingt viel, sammelt sich, trinkt etwas, isst einen Keks und fährt dann weiter … Dieses Pause, jedoch, ist nicht gar so trocken, weil nämlich einer unserer Mitstreiter …
… nicht nur Flüssigkeit zu sich nehmen, sondern auch noch ablassen muss
… und sich für dieses Geschäft mit den später noch sehr bedeutsam werdenden Worten „Ich kann einfach nicht, wenn Ihr mir dabei zuseht“ noch 10 Meter weiter gen Südwesten von uns entfernt,
… um danach zwar von unseren Augen nicht einsehbar, ansonsten aber völlig offen, an der Straße zu stehen
… und nicht zu bemerken, dass direkt hinter ihm ein Fahrzeug mit drei jungen kubanischen Damen anhält,
… die eben unseren sich unbeobachtet fühlenden Wasserablasser, ausgiebig und erstaunt zugleich, von Anfang bis Ende der Geschäftsverrichtung von hinten mustern.
Manchmal ist es wirklich besser, nichts zu wissen. Wäre sonst wohl nicht … so gut gelaufen … (Vielleicht ein Spaß, den man nur empfinden kann, wenn man direkt dabei ist, vielleicht muss man(n) auch Mann dazu sein. Ein Highlight bleibt es allemal, sonst würden wir uns auch ohne Foto nicht mehr (mit 2:1-Mehrheit) so gerne daran erinnern …)

Bald schon erreichen wir Pons. Zwei Straßen, eine T-Kreuzung, wahrhaft nicht Havanna-Standard entsprechende Häuser, viele Menschen, Tier und Karren auf den Straßen. Wir betreten das einzige Restaurant des Ortes und stellen dort mit Erstaunen fest, dass der im Nebenraum laut laufende Fernseher ein kubanisches Fußballspiel bei Schnee zeigt. Befremdend. Da wir bei derart schlechter Bildqualität keinen Ball erkennen können und uns die kubanischen Fußballligen dann doch nicht so sehr interessieren, beschließen wir, kurz Wasser zu kaufen und gleich danach weiterzufahren.

„Aqua?!? No tenemos!!!“
Oder auf Deutsch: Wasserkauf?!? Fehlanzeige!!!
Es gibt (angeblich?) kein Wasser in dem Restaurant mit verschneitem Fernsehbild!
„Otros refrescos?“ Andere Getränke?
„No hay problema!“

Und so lehnen wir morgens um 11:30 Uhr an einer frisch gestrichenen oder gekalkten Brücke direkt am Ortsausgang von Pons bei 34 Grad im (hier leider nicht vorhandenen) Schatten, um ein Becks zu trinken? Prösterchen …

Mit mehr oder weniger weißen Hinterteilen geht die Tour weiter durch die einsame und hügelige Landschaft Richtung Cabezas. Nach mehr als 30 Kilometern ist Cabezas der zweite Ort, in dem wir am heutigen Tag einen Richtungswechsel vornehmen müssen. Bunt gekleidet fahren wir in den Ort ein und biegen schon bald scharf links ab – nicht jedoch ohne schon lange vorher zu bemerken, dass sich der Ort Cabezas durch die schon aus weiter Ferne vernehmbare musikalische Beschallung der einzigen, stark bevölkerten T-Kreuzung des kleinen Ortes auszeichnet. Stimmung wie bei einem Marathon-Einlauf. Jedoch, so entgeistert und schweigend wie uns die vielen Anwesenden in just dem Moment beobachten, da wir elegant die einzige Kurve des Ortes meistern, so unwahrscheinlich ist es, dass diese Menschen wahrhaft den lieben langen Morgen auf uns gewartet haben.

Wenige hundert Meter später schwant uns, dass durchaus noch etwas anderes für die stummen Blicke der Kubaner verantwortlich gewesen sein könnte: der für Fahrradfahrer ungewöhnliche Straßenbelag, der sich auf unserem vorletzten Teilstück zur Finca La Guabina unter uns – im wahrsten Sinne des Wortes – auftut. Der Asphalt ist weich. Wir treten so schwer, als hätten wir das größte vordere Ritzel aufgelegt, tatsächlich jedoch arbeiten wir im niedrigsten Gang. Wir kommen nur schwer vom Fleck. Unsere Räder kleben förmlich an der Straße fest, und ich erwarte als nächstes den lauten Knall eines Reifens, der dieser unerträglichen Hitze von unten und oben nicht mehr standhalten kann. Teilweise weichen wir in den Schotter rechts und links der Fahrbahn aus und vermeiden so die nächste Reifenpanne. Nachdem der Straßenbelag wieder härter wird, befreien wir sorgfältig die Vorder- und Hinterreifen von den vielen aufgenommenen Steinen und setzen die Tour fort.
Mit was?
Mit Recht!!!

Denn in dem immer bergiger werdenden Gelände eröffnet sich nahe der Finca La Guabina ein unbeschreiblicher Blick, das Natur-Highlight meiner über 40-jährigen optischen Aufnahmefähigkeit. Kein Kommentar, nicht wiederzugeben, muss man erlebt haben …

Die letzten Kilometer bei praller Sonne sind davon überschattet, dass wir kaum noch Wasser haben. Der Weg zur Finca zieht sich. Anstiege, Abfahrten, Anstiege und immer wieder der mit der Zeit mehr und mehr frustrierende Fehlglaube, dass die Ranch sich doch hinter der nächsten Kurve eigentlich wie aus dem Nichts vor uns eröffnen müsste. Konjunktiv halt …

Mit meiner besonderen Tendenz zum „Bei-Anstrengung-Nicht-Nur-Kopfschwitzer“ lasse ich mich am letzten Anstieg weit nach hinten fallen. Die Tour wird zur Qual, aber diese nach 58 Kilometern und 617 Höhenmetern schlussendlich erreichte einmalige Finca soll uns zwei Tage lang für die Strapazen der letzten Stunde mehr als nur entschädigen.

Unmittelbar nach Erreichen des Hauptgebäudes der Ranch stürzt jeder von uns drei dringend notwendige Getränke runter. Dann werfen wir flugs die Rucksäcke auf unseren Zimmern ab und gehen den nur zweiminütigen Fußweg vom Haupthaus zum Natursee herab, um uns in eben diesem ein wohlverdientes Bad zu genehmigen. Erfrischend! Wir trocknen uns ab und gehen zurück zum Haupthaus – durch seitlich ausweichende Pfauen und eine hektisch vor uns her watschelnde achtköpfige Entenfamilie. Nun wollen wir uns für mindestens eine Nacht in den komfortablen Zimmern einrichten. Doch das wird nichts, beschäftigt uns nach Betreten des gemeinsamen Bades zunächst einmal nur noch diese sensationelle Klobrille. Hammer!

Klobrillen haben uns in Kuba schon oft erstaunt. Teilweise gab es gar kein sanitäres Sitzmobiliar, in anderen Fällen war selbiges labberig und hatte die Bezeichnung „Klobrille“ in keinster Weise verdient. (So nebenbei: Warum eigentlich Klo-Brille??? Ist doch eigentlich eher ein Klo-Monokel, oder? Wie dem auch sei: Egal …) Was wir im Bad der Finca La Guabina entdecken, ist einzigartig. Keiner von uns hat so etwas schon einmal gesehen, geschweige denn unter seinem hinteren mittleren Körperteil gefühlt. Doch es gibt sie tatsächlich: die weich GEPOLSTERTE KLOBRILLE mit zugehörigem weich GEPOLSTERTEN DECKEL und hierauf AUFGESTICKTEN APPLIKATIONEN. Sensationell! Ich überlege kurz, dem knallgrünen, an der Wand klebenden Gecko ein flottes „Tschüß“ zuzuwerfen und umgehend nach Deutschland abzureisen, um dort meinen Job zu kündigen und nur noch ‚in gepolsterten Klobrillen’ zu machen und durch die Baumärkte in Ost und West zu ziehen, lasse den Gedanken jedoch schnell wieder fallen. Schließlich wartet abends ja noch ein kühles Cristal und … ein weitere Variation kubanischer Hühnchen-Zubereitungskunst auf mich!

In einem Riesenhaus sind wir die einzigen Gäste, was uns zu einem Pudelwohlfühl-Gefühl gereicht. Beim Abendessen überwältigt uns – neben dem halb-krossen Huhn mit braunem Reis – der Blick aus dem Fenster des Haupthauses auf den See und die über diesem untergehende Sonne. Alles wäre perfekt, wenn nicht … ja, wenn nicht die nur für uns ganztags abgestellte Servicedame bei dieser (und jeder folgenden) Mahlzeit direkt neben uns stehen würde, um zu warten, dass wir aufgegessen haben, damit sie endlich abdecken kann.

Nachdem Christoph im Laufe des Abends nur zu deutlich demonstriert, wie wenig er Spiele mag und wie schlecht er Skat spielt, beschließen wir, unsere Schaukeltechnik auf dem Balkon im ersten Stock des Anwesens mit Blick in den Mond bis tief in die Nacht weiter zu perfektionieren.

An diesem Abend läuft nicht nur der Balkon einmal rund um das Haus, sondern auch seine Bewohner …

Autor: Detlev Braack
Lektor: Christoph Witte
Foto: Carsten Feldmann und Christoph Witte
Abenteuersuchende: Carsten Feldmann, Detlev Braack und Christoph Witte

Was bisher geschah! Das ultimative Cuba Libre Archiv!

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