Grand Tour de Cubas Oriente | Im Anflug

by in Cuba libre, In die weite Welt hinaus, Radeln 

FREITAG, 11.12.2009: HAMBURG – FRANKFURT – HOLGUÍN
von DETLEV BRAACK

Drei Wochen nur mit dem Rad unterwegs.
Noch nie gemacht.
Nicht mal im Ansatz.
Und jetzt gleich … Kubas kompletter Orient!
Viele offene Punkte, Fragen über Fragen…

Rad nicht verpacken oder doch? Wie viel Gepäck auf solch’ eine Tour mitnehmen? Was kann man vielleicht doch zu Hause lassen, um das Gesamtgewicht zu reduzieren? Packtaschen einzeln aufgeben? Oder zusammenbinden und mit einem Müllbeutel umwickeln? Die Tour dann im oder gegen den Uhrzeigersinn radeln? Wie geht der Wind, wie wird das Wetter sein? Alle Fragen des üblichen Reise-Vorgeplänkels sind jetzt, am Tag der Abreise – mehr oder weniger zufrieden stellend – beantwortet. Endlich geht es los.

Morgens, halb fünf in Deutschland … Mit meinem Deuter-Fahrradrucksack stehe ich im Hauseingang einer dunklen Straße in Hamburg-Uhlenhorst und warte auf das Taxi mit Christoph. Bereits am Vorabend war mein Freund Torsten so nett, uns mit unseren Riesen-Fahrrad-Kartons (Fahrradtransport Hamburg-Frankfurt mit Lufthansa kostet € 70,- pro Flug und Fahrrad, mit Condor kostet die Strecke von Frankfurt nach Kuba etwas mehr als die Hälfte. Ist das logisch?) sowie je zwei Ortlieb-Packtaschen in durchsichtigen Lufthansa-Beuteln (Christoph: 13 kg, ich: 16 kg – woher diese Differenz kommt, habe ich bis heute nicht so richtig verstanden …) zum Flughafen zu fahren.

Dass der dann folgende Late-Night-Check-in gefühlte zwei Stunden und damit – passend zur bevorstehenden christlichen Zeit – mehr als vierundzwanzig mal so lang dauerte wie jeder normale Check-in, ist zu dieser dann doch eher unchristlichen Zeit schon komplett vergessen. Ob die schlussendlich in Kartons verpackten eigenen Räder Holguín im gewünschten Zustand erreichen werden, bleibt für jetzt und die folgenden fünfzehn Reisestunden ungewiss. Die Zustimmung des Flughafenmitarbeiters bei Abgabe der Räder, geäußert in seinem Kommentar „Da wird bestimmt nix dran kaputt gehen“, gibt Anlass zur Hoffnung, dass die „Grand Tour de Cubas Oriente“ tatsächlich am 12.12.2009 gestartet werden kann …

Frankfurt erreichen wir mit Lufthansa um immer noch früh morgendliche 7:30 Uhr. Obwohl sich heute früh nicht gerade ‚Selten-Flieger’ auf den Weg gemacht haben, bedarf es danach wahrhaft detektivischer Spitzenleistungen, um das richtige Gate für den Weiterflug zu finden. Doch auch das kann uns jetzt nicht stoppen. Und so hebt die Boeing 767 gegen halb zehn nahezu pünktlich gen Osten ab.

Wohl niemals zuvor saß eine größere Vielfalt – Mensch und Tier – so eng zusammen, wie an eben diesem Morgen: Die auffallend unnatürliche Blondine mit ihrem kleinen Hund auf dem Schoß direkt vor uns, der bereits nach Alkohol stinkende und selbigen schon kurz nach dem Start wieder verlangende Symbol-Hemd-Träger direkt daneben. Aufgeregt schnatternde kubanische Frauen mit ausladenden Bäuchen schaffen es doch tatsächlich lautes Kindergeschrei sowie das nur zeitweise zu vernehmende Bellen des Spitzohr-Hundes vor uns noch zu übertönen. Nur einer bleibt ruhig. Ohne dass er es erfährt, taufen wir ihn … ‚Don Pedro’ – der Pate von Cuba, dem die Hand auch im Schlaf schon mal gerne ausrutscht. Er setzt sich auf den ihm zugewiesenen Platz und fällt sofort in einen Tiefschlaf, aus dem er nur noch einmal erwachen wird. Und zwar in dem Moment, da ihm sein zweites Kuschel-Kissen, welches er mir gleich zu Beginn geklaut hat, vom Boden aufsammeln muss. Den Gratis-Begrüßungs-Cocktail um halb 11 verschläft er …

Zehneinhalb Stunden später ist es geschafft. Flug DE 5196 setzt auf der holprigen Piste von Holguín auf. Schon bald queren wir zu Fuß das Rollfeld und spüren mehr als 30 Grad bei strahlendem Sonnenschein um 14:00 Uhr Ortszeit. Geschafft!

Nach zwei Stunden, drei Einreisekontrollen und zusätzlicher Anmeldung des Netbooks beim kubanischen Zoll stehen wir auf der Suche nach einem Taxi vor der Tür des Flughafengebäudes. Neben und vor uns die riesigen, von wem auch immer aufgerissenen Fahrrad-Kartons sowie die durchsichtigen Tüten mit den Fahrrad-Packtaschen. Der erste Schock darüber, dass unsere Fahrrad-Kartons weit aufgerissen durch die Masse der Schaulustigen das Kofferband entlang fuhren, ist vergessen. Die erfolgreiche Kuba-Einreise wird sodann mit einem (oder zwei) Cristal und einem weiteren Bucanero vom sofort präsenten Straßenhändler gefeiert.

Harald Schmidt …
Da ist er wieder!
Der Typ, der aussieht wie Harald Schmidt.
Der Typ, der sich insbesondere aber auch dadurch auszeichnet, dass er mit weit aufgerissenem Mund schläft und – wie wir später lernen sollten – in Holguín dafür bekannt ist, nur dreieinhalb Monate für eine komplette Kuba-Runde mit dem Fahrrad zu benötigen. Ein kurzes Gespräch mit Kuba-Kenner Johannes, wie er tatsächlich heißt, und schon sitzen wir mit Haralds Double und seinem kubanischen Empfangskomitee, Alina und Francisca, in einem großen Taxi. Neben und über uns die eigenen und Haralds, ääääh, Johannes’, Fahrradkarton. Obwohl sich der Chauffeur zunächst noch händeringend gegen Mitnahme des dritten Kartons gewehrt hat, freuen wir uns nun, dass dieser einen ganz hervorragenden Tisch für das noch nicht ganz geleerte erste 2009er-Kuba-Bucanero bietet.

Die zwölf Kilometer vom Flughafen in die „City“ von Holguín vergehen Dank Harald und seinen beiden „Freundinnen“ wie im Fluge. Bei Ankunft in der vorab aus Deutschland gebuchten Casa Particular bei Señora Cary ist man hoch erfreut über uns und unser nicht zu übersehendes üppiges Gepäck. Dennoch lernen wir schon bald von der harsch herrschenden Hausherrin, dass wir uns – trotz Reservierung – auf eine andere Casa einstellen müssen. Schade eigentlich, hatten wir doch die Casa bei Señora Cary extra ausgewählt, weil sie uns nach anstrengender Reise zwei Einzelzimmer in ruhiger Lage versprach.

Nun denn, nach Besichtigung alternativer Unterbringungs- möglichkeiten lassen wir uns erschöpft auf Unterbringung in der nahen Casa Juan mit einem einzigen 1,40 Meter breiten Bett ein. Es ist bereits dunkel und die Fahrräder, die sich noch im Innenhof des Hauses der um uns herumsitzenden, sehr interessierten Familie der Señora Cary befinden, wollen ja auch noch zusammengebaut werden – Überprüfung auf Vollständigkeit und Unversehrtheit inklusive …

Nachdem der erste Ärger über Lackschäden sowie abgebrochene Fahrrad-Halterungen verflogen ist und die Drahtesel für den morgigen ‚Ritt’ nach Guardalvaca (angebliche Entfernung: 57 Kilometer) montiert sind, werfen wir unsere Sachen in der neuen Casa ab und essen danach in der Innenstadt – wie wir es nicht anders aus dem letzten Jahr kennen – frittiertes Hühnchen mit Reis zu Abend – keineswegs jedoch ahnend, dass währenddessen neben unserer Unterkunft die lauteste Musikanlage Kubas aufgebaut wird …

Autor: Detlev Braack
GPS: Christoph Witte
Foto: Detlev Braack und Christoph Witte
Abenteuersuchende: CasEr nicht, Detlev Braack und Christoph Witte

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