Kuba Urlaub | 7. Tag – Ankunft in La Guabina

by in Cuba libre, In die weite Welt hinaus 

SAMSTAG, 15.11.2008: VIÑALES – FINCA LA GUABINA
von DETLEV BRAACK

Weder die am Vortrag im Pferdesattel durchrittenen 15 Kilometer noch das vierte Zusammentreffen mit der stark dialektisch geprägten deutschen Reisegruppe hält uns am Morgen des 15. Novembers davon ab, voll motiviert an die nächste Etappe heranzugehen. Doch welchen Ort nehmen wir uns als Tagesziel? Vor dem abermaligen Sprung auf den Fahrradsattel steht die beim kubanischen Einheitsfrühstück ausgiebig diskutierte Frage, wo wir am kommenden Abend nächtigen möchten. Unter Konsultation unserer wortreich und fachkundig beratenden Gastgeberin Esther sowie ihrer Schwiegertochter gewinnen wir die doch eher unerwartete Erkenntnis, dass es nur wenige Hotels oder Casas gibt, die bei realistischer Bewertung heute noch erreichbar sind.
Hierbei berücksichtigen wir selbstverständlich auch die jedem Kuba per Fahrrad-Erfahrer bekannte Gleichung:

Σ Muskelmasse + Anzahl funktionierender Gänge x Pannenwahrscheinlichkeit : Ponchera-Dichte im befahrenen Gebiet = RRR (Realistische Reichweiten-Region)

Schließlich entscheiden wir, auf einer auch unserem Reiseführer noch unbekannten Strecke die circa 60 Kilometer entfernte Finca La Guabina anzusteuern. Dort soll uns – glaubt man unseren hilfreichen und dabei sehr wortreichen Gastgeberinnen – ein idyllisches, abseits jeglicher Zivilisation gelegenes Hotel auf einer Pferderanch erwarten. In einer telefonischen Vorab-Anfrage gibt die Finca-Verwaltung grünes Licht und das Hotel verspricht, Zimmer für uns bereit zu halten. Nur noch schnell den bereits avisierten Hotel-Voucher in der einzigen Reiseagentur des 4.000 Seelen-Ortes Viñales abholen und los geht’s!

Los geht’s?!?
Nix geht los!!!
Ärger geht los …

Bei einer langen Radtour unter praller Sonne kommt Wasser mit Vitamin-Tabletten sicherlich gut! Was hingegen (auch bei freundlichen Kubanern) weniger gut kommt, ist, wenn man knapp einen Liter eben dieses Wassers in der einzigen Reiseagentur von Viñales gleichmäßig auf dem Boden verteilt. Gerade früh am morgen kann der ansonsten wirklich sehr freundliche Kubaner, auf eine derartige Aktion schon mal gereizt reagieren. Trotz dieses ungewollten, sehr klebrigen Intermezzos unseres Luxus-Kumpels erhalten wir den Voucher. Nachdem zehn Minuten später dann auch die bei Verschütten des kühlen Nass aufgeschlagene alte Wunde am Knie wieder gestillt ist, geht es dann doch noch los. Bloß schnell weg, bevor einer von uns noch verhaftet wird. Wir verlassen Viñales auf dem schnellsten Weg und fahren auf der Hauptstraße in Richtung Pons.

Das Tal von Viñales ist einfach wunder-, wunder- wunderschön. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine schönere Landschaft gesehen zu haben. Gebirgszüge, einzelne, hoch ragende Berge, kein Verkehr, keine Menschen, viel sattes Grün. Bei aller Schönheit gerät in Vergessenheit, dass wir so gar nicht abschätzen können, was uns und unsere ausgeruhten Beine erwartet. In unserem Kuba-Reiseführer ist diese Tour nicht beschrieben. Egal, denn auch rein „radfahrerisch“ macht es einfach nur Spaß, die kurzen, recht flachen Anstiege zu nehmen, um kurz danach wieder locker abzufahren. Lediglich die unübersehbaren Auswirkungen der Hurricanes wecken Betroffenheit. Im Westen (Kubas) nichts Neues. Aufgrund des intensiven landschaftlichen Erlebnisses und der nur ganz, ganz selten anzutreffenden, immer freundlichen Menschen genießen wir die Tour – jeder für sich, jeder auf seine Art …

Nach ungefähr 20 Kilometern machen wir in einem Schatten spendenden Wartehäuschen am Rande der Strecke nahe der Abzweigung nach Moncada unsere zweite Pause. Wieder einmal müssen wir stark mit unseren Getränken haushalten, da weit und breit keine Möglichkeit besteht, neue Getränke zu erwerben.

So eine Wasseraufnahme-Pause ist – vergisst man mal das kühle Nass, welches man sich da in die Kehle kippt – tendenziell ja doch etwas „sehr Trockenes“: Man redet nicht unbedingt viel, sammelt sich, trinkt etwas, isst einen Keks und fährt dann weiter … Dieses Pause, jedoch, ist nicht gar so trocken, weil nämlich einer unserer Mitstreiter …
… nicht nur Flüssigkeit zu sich nehmen, sondern auch noch ablassen muss
… und sich für dieses Geschäft mit den später noch sehr bedeutsam werdenden Worten „Ich kann einfach nicht, wenn Ihr mir dabei zuseht“ noch 10 Meter weiter gen Südwesten von uns entfernt,
… um danach zwar von unseren Augen nicht einsehbar, ansonsten aber völlig offen, an der Straße zu stehen
… und nicht zu bemerken, dass direkt hinter ihm ein Fahrzeug mit drei jungen kubanischen Damen anhält,
… die eben unseren sich unbeobachtet fühlenden Wasserablasser, ausgiebig und erstaunt zugleich, von Anfang bis Ende der Geschäftsverrichtung von hinten mustern.
Manchmal ist es wirklich besser, nichts zu wissen. Wäre sonst wohl nicht … so gut gelaufen … (Vielleicht ein Spaß, den man nur empfinden kann, wenn man direkt dabei ist, vielleicht muss man(n) auch Mann dazu sein. Ein Highlight bleibt es allemal, sonst würden wir uns auch ohne Foto nicht mehr (mit 2:1-Mehrheit) so gerne daran erinnern …)

Bald schon erreichen wir Pons. Zwei Straßen, eine T-Kreuzung, wahrhaft nicht Havanna-Standard entsprechende Häuser, viele Menschen, Tier und Karren auf den Straßen. Wir betreten das einzige Restaurant des Ortes und stellen dort mit Erstaunen fest, dass der im Nebenraum laut laufende Fernseher ein kubanisches Fußballspiel bei Schnee zeigt. Befremdend. Da wir bei derart schlechter Bildqualität keinen Ball erkennen können und uns die kubanischen Fußballligen dann doch nicht so sehr interessieren, beschließen wir, kurz Wasser zu kaufen und gleich danach weiterzufahren.

„Aqua?!? No tenemos!!!“
Oder auf Deutsch: Wasserkauf?!? Fehlanzeige!!!
Es gibt (angeblich?) kein Wasser in dem Restaurant mit verschneitem Fernsehbild!
„Otros refrescos?“ Andere Getränke?
„No hay problema!“

Und so lehnen wir morgens um 11:30 Uhr an einer frisch gestrichenen oder gekalkten Brücke direkt am Ortsausgang von Pons bei 34 Grad im (hier leider nicht vorhandenen) Schatten, um ein Becks zu trinken? Prösterchen …

Mit mehr oder weniger weißen Hinterteilen geht die Tour weiter durch die einsame und hügelige Landschaft Richtung Cabezas. Nach mehr als 30 Kilometern ist Cabezas der zweite Ort, in dem wir am heutigen Tag einen Richtungswechsel vornehmen müssen. Bunt gekleidet fahren wir in den Ort ein und biegen schon bald scharf links ab – nicht jedoch ohne schon lange vorher zu bemerken, dass sich der Ort Cabezas durch die schon aus weiter Ferne vernehmbare musikalische Beschallung der einzigen, stark bevölkerten T-Kreuzung des kleinen Ortes auszeichnet. Stimmung wie bei einem Marathon-Einlauf. Jedoch, so entgeistert und schweigend wie uns die vielen Anwesenden in just dem Moment beobachten, da wir elegant die einzige Kurve des Ortes meistern, so unwahrscheinlich ist es, dass diese Menschen wahrhaft den lieben langen Morgen auf uns gewartet haben.

Wenige hundert Meter später schwant uns, dass durchaus noch etwas anderes für die stummen Blicke der Kubaner verantwortlich gewesen sein könnte: der für Fahrradfahrer ungewöhnliche Straßenbelag, der sich auf unserem vorletzten Teilstück zur Finca La Guabina unter uns – im wahrsten Sinne des Wortes – auftut. Der Asphalt ist weich. Wir treten so schwer, als hätten wir das größte vordere Ritzel aufgelegt, tatsächlich jedoch arbeiten wir im niedrigsten Gang. Wir kommen nur schwer vom Fleck. Unsere Räder kleben förmlich an der Straße fest, und ich erwarte als nächstes den lauten Knall eines Reifens, der dieser unerträglichen Hitze von unten und oben nicht mehr standhalten kann. Teilweise weichen wir in den Schotter rechts und links der Fahrbahn aus und vermeiden so die nächste Reifenpanne. Nachdem der Straßenbelag wieder härter wird, befreien wir sorgfältig die Vorder- und Hinterreifen von den vielen aufgenommenen Steinen und setzen die Tour fort.
Mit was?
Mit Recht!!!

Denn in dem immer bergiger werdenden Gelände eröffnet sich nahe der Finca La Guabina ein unbeschreiblicher Blick, das Natur-Highlight meiner über 40-jährigen optischen Aufnahmefähigkeit. Kein Kommentar, nicht wiederzugeben, muss man erlebt haben …

Die letzten Kilometer bei praller Sonne sind davon überschattet, dass wir kaum noch Wasser haben. Der Weg zur Finca zieht sich. Anstiege, Abfahrten, Anstiege und immer wieder der mit der Zeit mehr und mehr frustrierende Fehlglaube, dass die Ranch sich doch hinter der nächsten Kurve eigentlich wie aus dem Nichts vor uns eröffnen müsste. Konjunktiv halt …

Mit meiner besonderen Tendenz zum „Bei-Anstrengung-Nicht-Nur-Kopfschwitzer“ lasse ich mich am letzten Anstieg weit nach hinten fallen. Die Tour wird zur Qual, aber diese nach 58 Kilometern und 617 Höhenmetern schlussendlich erreichte einmalige Finca soll uns zwei Tage lang für die Strapazen der letzten Stunde mehr als nur entschädigen.

Unmittelbar nach Erreichen des Hauptgebäudes der Ranch stürzt jeder von uns drei dringend notwendige Getränke runter. Dann werfen wir flugs die Rucksäcke auf unseren Zimmern ab und gehen den nur zweiminütigen Fußweg vom Haupthaus zum Natursee herab, um uns in eben diesem ein wohlverdientes Bad zu genehmigen. Erfrischend! Wir trocknen uns ab und gehen zurück zum Haupthaus – durch seitlich ausweichende Pfauen und eine hektisch vor uns her watschelnde achtköpfige Entenfamilie. Nun wollen wir uns für mindestens eine Nacht in den komfortablen Zimmern einrichten. Doch das wird nichts, beschäftigt uns nach Betreten des gemeinsamen Bades zunächst einmal nur noch diese sensationelle Klobrille. Hammer!

Klobrillen haben uns in Kuba schon oft erstaunt. Teilweise gab es gar kein sanitäres Sitzmobiliar, in anderen Fällen war selbiges labberig und hatte die Bezeichnung „Klobrille“ in keinster Weise verdient. (So nebenbei: Warum eigentlich Klo-Brille??? Ist doch eigentlich eher ein Klo-Monokel, oder? Wie dem auch sei: Egal …) Was wir im Bad der Finca La Guabina entdecken, ist einzigartig. Keiner von uns hat so etwas schon einmal gesehen, geschweige denn unter seinem hinteren mittleren Körperteil gefühlt. Doch es gibt sie tatsächlich: die weich GEPOLSTERTE KLOBRILLE mit zugehörigem weich GEPOLSTERTEN DECKEL und hierauf AUFGESTICKTEN APPLIKATIONEN. Sensationell! Ich überlege kurz, dem knallgrünen, an der Wand klebenden Gecko ein flottes „Tschüß“ zuzuwerfen und umgehend nach Deutschland abzureisen, um dort meinen Job zu kündigen und nur noch ‚in gepolsterten Klobrillen’ zu machen und durch die Baumärkte in Ost und West zu ziehen, lasse den Gedanken jedoch schnell wieder fallen. Schließlich wartet abends ja noch ein kühles Cristal und … ein weitere Variation kubanischer Hühnchen-Zubereitungskunst auf mich!

In einem Riesenhaus sind wir die einzigen Gäste, was uns zu einem Pudelwohlfühl-Gefühl gereicht. Beim Abendessen überwältigt uns – neben dem halb-krossen Huhn mit braunem Reis – der Blick aus dem Fenster des Haupthauses auf den See und die über diesem untergehende Sonne. Alles wäre perfekt, wenn nicht … ja, wenn nicht die nur für uns ganztags abgestellte Servicedame bei dieser (und jeder folgenden) Mahlzeit direkt neben uns stehen würde, um zu warten, dass wir aufgegessen haben, damit sie endlich abdecken kann.

Nachdem Christoph im Laufe des Abends nur zu deutlich demonstriert, wie wenig er Spiele mag und wie schlecht er Skat spielt, beschließen wir, unsere Schaukeltechnik auf dem Balkon im ersten Stock des Anwesens mit Blick in den Mond bis tief in die Nacht weiter zu perfektionieren.

An diesem Abend läuft nicht nur der Balkon einmal rund um das Haus, sondern auch seine Bewohner …

Autor: Detlev Braack
Lektor: Christoph Witte
Foto: Carsten Feldmann und Christoph Witte
Abenteuersuchende: Carsten Feldmann, Detlev Braack und Christoph Witte

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2 Comment on “Kuba Urlaub | 7. Tag – Ankunft in La Guabina

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