Kuba Urlaub | 6. Tag – Reiten in VIÑALES

by in Cuba libre, In die weite Welt hinaus 

FREITAG, 14.11.2008: REITEN IN VIÑALES
von DETLEV BRAACK

Im kubanischen Viñales – so viel weiß ich seit heute früh, 2 Uhr 23 – pflegen Hähne, Hunde, Katzen (und viele andere Tiere wohl auch noch …)
(1) … hauptsächlich des Nächtens,
(2) … in jedem Falle sehr laut und
(3) … kreuz und quer durch den gesamten Ort
zu kommunizieren!!! Und „kommunizieren“ meint an dieser Stelle nicht etwa einen zumindest überwiegend zivilisiert geführten, geregelten Dialog mit klarer Artikulation. Nein!!! Kommunizieren meint hier jede Form hauptsächlich lauten Geräusches – egal, ob Bellen, Kreischen, Jaulen, Krähen, Schreien oder, oder, oder. Nach unserer ersten Nacht in der Casa Esther Nodarse fühle ich mich völlig gerädert. Mir ist, als hätte ich durchgemacht und eine ganze Kiste Cristal-Pils oder 20 Cuba Libre (kubanische Mischung) alleine getrunken. Und ich habe heftige Ohrenschmerzen. Das harte kubanische Toilettenpapier ist als Lärm-Protektor für empfindliche deutsche Ohren einfach nicht geeignet. Denn es hat mich in keinster Weise vor der tierischen Lärmbelästigung geschützt, sondern lediglich heftigen Druckschmerz verursacht. So oder ähnlich muss wohl eine Nacht bei Hagenbeck sein …

Was dem einen das Ohr, ist dem anderen der Magen. Es ist so weit. Alle erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen haben nicht geholfen. Auch die fünf Cuba Libre des vorigen Abends haben den inneren Körperbereich zwischen Lachzentrum und Lende nicht ausreichend aufräumen können. In Viñales erwischt es den Ersten von uns. Christophs Gesicht will einfach keine andere Farbe als die Nicht-Farbe Weiß annehmen – trotz nun schon vier Tagen intensiver Sonnenbestrahlung. Oder schiebt er einen schwachen Magen nur vor, um nicht zugeben zu müssen, dass er sich an den ersten drei Tagen im Fahrradsattel so sehr verausgabt hat, dass er jetzt schon einen Tag Pause braucht? Schaun ’mer mal, was Luxus-Casi zu einer direkten Fortsetzung der Fahrradtour sagt …

Carsten stimmt dem Verbleib in Viñales sofort zu und freut sich diebisch über einen Brückentag. Denn es ist ihm offensichtlich binnen kürzester Zeit gelungen, sich an den kubanischen Luxus mit klimatisiertem Bungalow, hervorragender Klospülung und – last, but not least – individueller Dauerbetreuung durch die wahrhaft attraktive Gastgeberin zu gewöhnen. „Meinetwegen können wir bleiben!“, sagt er mit einem breiten Grinsen im Gesicht und mümmelt dabei genüsslich weiter an seinem gehaltlosen Weißbrot, „habe es letzte Nacht ja auch nicht mehr geschafft, alle spanischen DVDs mit englischen Untertiteln anzusehen.“

Und ich? Einzelzimmer? DVD-Spieler? Attraktive Gastgeberin? Alles Fehlanzeige!!! Ich verbringe meine Nächte in einem 27 Grad warmen Zimmer neben Christoph. Dazu noch dieses ganz spezielle Spanisch von Hausmütterchen Esther, welches ich trotz aller Anstrengung ja so gar nicht verstehe … Was sollte mich hier noch halten? Ich setze mich schließlich an den gedeckten Frühstückstisch in Esthers Wohnzimmer und muss bei dem dabei einsetzenden stechenden Schmerz nicht mehr lange überlegen. Die veränderte Satteleinstellung des gestrigen Tages hat gewisse Teile meines rückwärtigen Körpers offensichtlich doch so beansprucht, dass auch ich einen Tag ohne jeglichen Sattelkontakt für eine ganz hervorragende Idee halte. „Im Übrigen“, gebe ich meinen beiden beisitzenden Kollegen noch zu bedenken, „macht das Grenzbereich-Wippen im Schaukelstuhl an einer stark befahrenen und begangenen Verkehrsstraße, wie sie an Esthers Haus nun einmal vorbeiführt, noch viel mehr Spaß, als das verdeckte Schaukeln in der Villa (Julio y) Cary, bei der lediglich der Mond Zeuge unserer immer ausgefeilteren Technik war.“

Esther bringt das traditionell-kubanische Frühstücks-Omelett und sogleich teile ich ihr unsere Entscheidung mit, einen weiteren Tag zu bleiben. Kurz danach bereue ich diese Entscheidung dann auch schon wieder, denn freudige Erregung unserer Gastgeberin, so wird schnell deutlich, macht die ohnehin schon diffizile Verständigung mit ihr nur noch viel schwerer. Bei dem Schwall an fröhlichen Worten, der da auf unsere völlig überforderten Ohren einprasselt, denke ich nach langer Zeit das erste Mal wieder an Deutschland. Besser gesagt … ich denke an … wie peinlich ……… Verona Pooth. Die redet doch meistens auch wie ein Wasserfall und hat ebenso iberische Wurzeln, oder? Ich beschließe, direkt nach dem Frühstück noch einmal das Namensschild der Casa einer genaueren Inspektion zu unterziehen. (Steht da wirklich Esther dran oder etwa doch der Name dieser penetranten Iglo-, 11880- 08/15- und Für-Was-Auch-Immer-Noch-Werbeikone?)

Wir bleiben also einen kompletten Tag in Viñales. Ok! Und was machen richtige Männer, die entweder über Magenprobleme klagen oder ihren Luxus genießen wollen oder gerade auch stark beanspruchte Sattel-Kontaktpunkte am Podex haben und allesamt nicht Reiten können? Richtig: Sie beschließen, sich auf dem Rücken dreier edler Rösser im wunderschönen Tal von Viñales niederzulassen und ein wenig Bonanza zu spielen. Mit von der Partie bei wieder einmal strahlendem Sonnenschein ist auch unser Führer Pablo, ein original kubanischer Caballero, der am Ortsrand von Viñales schon mit aus einzelnen Tabakblättern selbst gedrehter Zigarre auf uns wartet.

Es ist 12 Uhr mittags. Die Uhrzeit hat etwas Symbolisches. Drei Männer sitzen in mehr oder weniger knalligen Fahrradklamotten auf ihren Pferden und blicken in die Ferne. Und zwar immer in die Richtung, in die sich der scheinbar unsteuerbare Vierbeiner gerade wendet. Stille liegt nun nicht gerade über der Ebene. Vielmehr durchschneidet Dauerlachen das Tal von Viñales. Und unter der falsch herum getragenen Kappe, die uns vor der gnadenlosen Hitze schützt, sitzt der nicht erkennbare Schalk in Jedermanns Nacken. Lediglich Pablo, unser Caballero, schaut etwas skeptisch und scheint sich unter seiner der Reiterei angemessenen Kopfbedeckung zu fragen, wie er die kommenden vier Stunden wohl verleben wird. Nur zögernd zeigt er ein Lächeln und seine drei bis sechs noch verbliebenen Zähne verschiedener Couleur. Cooler Typ …

„Iba!“, schallt es laut. „Los!“ Die Vierbeiner bewegen sich.
Ross und Reiter eine Einheit?
Na ja …
Rhythmus finden …

Auf unserem Weg Richtung Gebirge – es soll zu einer Gebirgshöhle gehen, in der man schwimmen kann – wird sehr schnell deutlich, dass es sich hier nicht um einen gemütlichen Ausritt handelt. Der im Tal von Viñales ausgetragene Wettbewerb ist zwar nirgendwo ausgeschrieben. Und dennoch wird schnell deutlich, dass für zumindest zwei Jockeys das Innehaben der Führungsrolle dieser sich noch unrhythmisch fortbewegenden Karawane eine gewisse Bedeutung hat. Und genau das spiegelt sich dann auch in ihrem atypischen Reitverhalten wider: Um die Spitzenposition gegen überholende Reiter zu behaupten, ist Tempo ein wichtiger Aspekt. Logisch! Bedeutender jedoch – so erkennen die Rivalen schnell – wiegt die Pferde-Lenk-Geschicklichkeit, mit der man gerade in sehr engen Passagen einen Überholversuch des nachfolgend Platzierten frühzeitig unterbinden kann.

Während sich vorne zwei ehrgeizige Möchtegern-Schockemöhles um die Führung streiten, kämpft ein anderer wackerer Caballero weit abgeschlagen und offensichtlich Zügel-los darum, sein Ross auch nur mal ansatzweise in die richtige Richtung zu dirigieren. „Nein, Nein, Nein …“oder „Stopp!“, gerne auch mal ein verzweifeltes „da lang geht es, da lang“, so lauten Kommandos des hart arbeitenden Desperados, die von den weit entfernten Führenden gerade mal noch so zu vernehmen sind. Aber das kubanische Pferd kann oder will einfach kein Deutsch verstehen …

Auf der sechs Kilometer langen Strecke zu den Höhlen (Cuevas) gelingt es durch strategisch geschickten Pferdewechsel und Pablos Hilfe dann schließlich doch noch, das vierköpfige Feld zusammenzuführen, um es kurz danach schon wieder mit lauten „Iba! Iba!“-Rufen und der rasselnden Peitsche von Pablo auseinander zu treiben. Schnell lernen wir den Unterschied zwischen leichtem Galopp und zügigem Trab. Ist der leichte Galopp für den nicht ganz so geübten Reiter als „doch schon ganz schön schnell, aber angenehm rhythmisch“ zu umschreiben, so tut schneller Trab einfach nur – im wahrsten Sinne des Wortes – tierisch weh, rüttelt diese Pferde-Fortbewegungsart doch den kompletten Körper des ungeübten Reiter allzu sehr und vor allen Dingen bis in das letzte Glied durcheinander.

Wir haben wahnsinnig viel Spaß und erreichen nach einstündigem Ritt die Cuevas, an deren Eingang uns ein weiterer Führer empfängt, der nun nicht auf Pferde, sondern auf Höhlen spezialisiert ist. Mit selbst konstruierten, schwer zu umschreibenden Fackeln gehen wir einen rutschigen Weg über Schlamm, improvisierte Stege und schmale Absätze zweihundert Meter tief in die Höhle hinein. Angekommen an dem Piscina de la Cueva (=Höhlen-Schwimmbad) frage ich den Führer, wie viele Gäste denn hier bei Fackelschein baden. „Casi todos“, sagt er kurz und trocken. Auch wenn man meinen könnte, dass gerade der erste Teil dieses Ausdruckes den Spitznamen eines von uns Dreien meint, so steht diese Redewendung doch einfach nur für „fast alle“. Na dann …

Es dauert keine zwei Sekunden bis meine Hose als erste in den Höhlenschlamm fliegt. Schon bald folgen zwei weiteren Beinkleider. Von den am Rand abgestellten Fackeln romantisch beleuchtet, nehmen wir zu dritt ein warmes Höhlenbad und posieren lachend für die Kamera. Bei aller Mühe sollte es unserem erfahrenen Höhlen-Führer in der vorherrschenden Dunkelheit jedoch nicht gelingen, uns alle zusammen hierbei auch standesgemäß abzulichten.

Kurz nach dem Bad sitzen wir wieder auf und reiten los, um auf unserem Rückweg noch an zwei weiteren Hütten Halt zu machen. Dort bekommen wir (mehr oder weniger ungefragt und ungewollt natürlich …) Ananas und trinken Kaffee – alles natürlich gegen Zahlung von ein wenig Kleingeld. Und wieder einmal sehen wir, wie das (Über)leben hier funktioniert: Während wir in die rechte Hand der Gastgeberin den einen oder anderen konvertiblen Peso legen, zahlt sie unserem Caballero mit der anderen Hand Kuba-Pesos als Provision. Teilweise leben hier zwei Menschen in winzigen Holzhütten auf weniger als 10 Quadratmetern. Das Aussehen der Matratzen kommentieren wir aus hygienischen Gründen an dieser Stelle mal nicht. Geht’s uns gut …

Nachdem an einer tiefen Wasserstelle auch die Pferde einen schlammigen Drink nehmen, um dabei gleichzeitig auch noch unseren Füßen inklusive Turnschuhen ein Bad zu bereiten, steigen wir aus dem Sattel, verabschieden uns mit besonders herzlichem Dank bei dem schroff wirkenden, aber sehr herzlichen Pablo und gehen Richtung Ortszentrum. Knapp fünfzehn Kilometer saßen wir im Sattel. Vier Stunden hat dieser Trip gedauert. Unsere nächste Übungseinheit im Schaukelstuhl haben wir uns wahrhaft verdient!!!

Über Esthers Küche und die Tiere, die sich da in ihrem Kühlschrank mehr tot als lebendig neben den Lebensmitteln tummeln, möchte ich so wenig sagen, wie über oben erwähnte Matratzen. Ich möchte auch nicht dran erinnert werden, dass unsere Gastgeberinnen in eben dieser Küche ein wirklich schmackhaftes Abendessen brutzeln, welches wir auf der Veranda ihrer Schwiegertochter bis auf den letzten Bissen vernichten. Ebenso über den Abend, an dem wir das erste Mal mit sehr jungen kubanischen Frauen (besser: Mädchen) konfrontiert werden, die durchaus großes Interesse zeigen, mit wesentlich älteren westlichen Männern anzubändeln, erspare ich mir jedes Wort. Gerade Letzteres will nicht zu unserer sehr individuellen Tour, diesem fantastischen Land sowie den tollen und jederzeit freundlichen Menschen passen.

Lediglich noch ausräumen möchte ich den weit verbreiteten Fehlglauben, dass die Geschichte vom „Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel“ aus den norddeutschen Buxtehude stammt. Die Wahrheit ist anders! Diese Geschichte, so lernen wir an unserem lauen, letzten Abend in Viñales, muss ein Kubaner geschrieben haben! Wie sonst ist es zu erklären, dass uns im Vergnügungszentrum nahe der Kirche von Viñales auch heute Abend wieder die illustre deutsche Radreisegruppe lautstark mit ihren brutalen Dialekten begrüßt?!? „Ick bün all dor“ ist ganz bestimmt kein plattdeutscher Ausspruch. Das ist reeeeiiiiiiiines spanisch – wie mein Kumpel Dittsche wohl sagen würde …

Der eine oder andere, nicht zuletzt ob dieser erneuten Begegnung genossene, Cuba Libre beschert uns einen tieferen Schlaf als noch in der Nacht zuvor. Wir lassen uns auch von lärmenden Tieren nicht stören.

Des isch jo scho mo glar, gell, Häbbätt, Duuhuuu …

Autor: Detlev Braack
Lektor: Christoph Witte
Foto: Carsten Feldmann und Christoph Witte
Abenteuersuchende: Carsten Feldmann, Detlev Braack und Christoph Witte

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