Kuba Urlaub | 3. Tag – VILLA SOROA

by in Cuba libre, In die weite Welt hinaus 

DIENSTAG, 11.11.2008: HAVANNA – VILLA SOROA
von DETLEV BRAACK

11.11., Beginn der närrischen Zeit!!! Aber im Gegensatz zu den Jecken im heimischen Deutschland warten wir nicht bis 11 Uhr 11, um es mal so richtig krachen zu lassen…

Am Malecón, nach abermals dürftigem Frühstück, nach Schultern unserer prall gefüllten Rucksäcke, nach skeptischem Tourbeginn bei strahlendem Sonnenschein und nach genau 3,12 gefahrenen Kilometern auf der prachtvollen Küstenstraße Havannas ist es soweit: Erstmals halten die geliehenen Kuba-Fahrräder tatsächlich das, was sie versprechen. Und so verabschiedet sich die Luft aus meinem Hinterreifen mit einem kaum hörbaren „Pffffffft“ um kurz vor 9 Uhr Ortszeit (was allerdings, berücksichtigt man sechs Stunden Zeitunterschied, doch schon deutlich nach 11 Uhr 11 deutscher Zeit ist). Der erste Platte! ‚Christoph hat gewonnen’, denke ich noch, während es da so hinter mir zischt, hatte er doch die erste Panne nach 30 Kilometern vorhergesagt. Carsten war mit seiner Prognose, es würde uns nach 60 Kilometern das erste Mal treffen, noch etwas optimistischer, und ich hatte mit geschätzten 123 Kilometern bis zur ersten Panne den offensichtlich absolut realitätsfremdesten Tipp beigesteuert.

Wir halten an und begutachten das Hinterrad. Eine eigenständige Reparatur des Schlauches ist unmöglich. Dieses kubanische Hochleistungs-Fahrrad hat selbstverständlich keine Schnellspanner. Und wir? Wir Experten haben zwar Werkzeug dabei, aber dieses Werkzeug ist wahrhaft nicht geeignet, jene verrottete Riesenmutter zu lösen, die mein nun vollends plattes Hinterrad hält. Ratlos lehnen wir minutenlang an der Mauer, die unsere Straße von dem dahinter liegenden Strand dieses wunderschönen Küstenstreifens in Havanna trennt. Aufspritzendes Meerwasser bespritzt höhnisch den gestoppten Deutschland-Dreier mit vor wenigen Minuten noch stolz gehisster Flagge, die schon jetzt auf mindestens Halbmast abgesenkt werden müsste. Um nicht noch nasser zu werden, setzen wir uns auf den Bürgersteig des gegenüberliegenden Straßenrandes. Ich denke ernsthaft an Aufgabe, alternativ an eine Tour per Mietwagen. Christoph – alles andere als erfreut über die gewonnene Pannen-Vorhersage-Wette – schlägt Suche und erstmaliges Aufsuchen einer Ponchera (= kubanische Fahrradwerkstätte) vor. Und, oh Wunder: In nur 500 Meter Entfernung finden wir tatsächlich einen typischen kubanischen Vulkaniseur, der zwar kein Wort mit uns spricht, aber meinen Reifen für nur einen Peso binnen fünfzehn Minuten flickt, um sich sodann dem wartenden Krad-Fahrer zu widmen, der seinen platten Reifen in der Zwischenzeit schon selbst ausgebaut hat. Für mein zweites technisches Problem, den sich schon jetzt mehr und mehr absenkenden Sattel, hat er in Ermangelung einer passenden Imbusschraube leider keine Lösung parat.

Auf stark befahrenen Straßen verlassen wir Kubas Hauptstadt bis wir endlich auf der Autopista sind. In den Nasenwegen stark riechende Autoabgase, im Gepäck nun noch deutlich mehr ungutes Gefühl als eh schon zuvor. Kein Vertrauen in das für unsere ehrgeizigen Tourpläne wohl unzureichende Material. So rollen wir auf der rechten Autobahn-Spur, die für alles andere als Autos bestimmt ist (und davon gibt es in Kuba sehr viel), gen Westen. Soroa, rund 100 Kilometer entfernt, ist unser erstes Ziel. Hier haben wir bereits von Hamburg aus eine Unterkunft für die kommende Nacht gebucht. Wie sollen wir das mit diesen Rädern nur bis zur Villa Soroa schaffen?

So schwer auch die Last der frühen Panne auf unseren Gemütern wiegt, so gleichermaßen beeindruckend ist die gesamte Szenerie, die sich schon bald unseren Augen bietet. Sind die ersten Kilometer, auf denen wir Havanna nun mehr und mehr hinter uns lassen, noch außerordentlich stark befahren von Personen-, Lastkraft-, Pferde-, Esel- und Muli-Wagen, so nimmt dieser starke Verkehr schon bald erheblich ab. In gleichem Maße, wie sich die Anzahl der Gefährte verringert, erhöht die Natur ihre Reize. Schon bald tun sich außergewöhnliche Postkartenmotive auf. Konstant bleiben die hohe Anzahl von Personen, die Schatten suchend unter Brücken und oft auch auf freier Strecke auf Mitfahrgelegenheit hofft, sowie die Vielfalt der Zwei- Drei-, Vier- und Mehrräder, die wir hinter uns lassen und die uns passieren. Je mehr Kilometer wir zwischen uns und Havanna legen, desto größer wird das Vertrauen in unser Material, obwohl sich mein Sattel und damit auch mein Hintern immer stärker dem gut befahrbaren kubanischen Asphalt nähert.

Die Hitze ist schon bald unerträglich. Immer wieder halten wir an, um ausreichend und vor allen Dingen rechtzeitig Wasser zu uns zu nehmen. Kein Schatten weit und breit. Lediglich die Brücken, unter denen wir hindurch fahren und an denen wir auch gerne mal anhalten, bieten kurzzeitig Sonnenschutz. Ansonsten fährt jeder von uns stark gebückt, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, die Augen mit Sonnenbrille geschützt seinen eigenen Rhythmus auf die breite, von Grün umsäumte Straße.

Um bei weiteren (jederzeit zu vermutenden) Pannen schnell Hilfe bekommen zu können, entscheiden wir uns, nicht – wie ursprünglich geplant – nach 25 Kilometern von der Autopista Richtung Las Terrazas abzufahren. Wir bleiben lieber auf der stark befahrenen Hauptstraße. Nach rund 80 Kilometern – so der neue Plan – wollen wir abbiegen, um dann jenseits der Autopista die letzten 12 Kilometer Richtung Soroa in Angriff zu nehmen.

Die Ausblicke werden immer schöner. Knapp 50 Kilometer liegen nun schon hinter uns. Es läuft sehr gut. Lediglich die Wasservorräte schwinden schnell und schneller. An der doch recht hügeligen Autopista fragen wir nach dem nächsten Ort, der uns mit Wasser versorgen kann. Doch die freundlichen Kubaner blicken immer wieder nur erstaunt auf unsere farbenfrohen Radtrikots und zucken schlussendlich mit den Achseln, um ihre Aussage zu unterstützen, dass es weit und breit keine Möglichkeit zur Flüssigkeitsaufnahme gibt. Als jeder seine eineinhalb Liter getrunken und mindestens auch schon wieder ausgeschwitzt hat, nehmen wir die nächstbeste Abfahrt und fahren in einen nördlich der Autopista gelegenen Ort. Irgendwo hier muss es doch Flüssigkeit geben!

Mehr als zwanzig rund um den roten, aus westeuropäischer Sicht baufälligen Verkaufsstand verteilte Menschen blicken uns erstaunt und schweigend aus großen Augen an und fragen sich, was wohl als nächstes passieren wird. Unser gesungen-fröhlich-melodisches „Bonjour“ von vor zwei Tagen ist nach der Landung in Havanna sehr schnell durch ein strenges spanisch-direktes „Holá“ abgelöst worden, welches wir auch hier voller Inbrunst mit breiter Brust zum Besten geben. Alleine … dieser Ausruf findet im breit aufgestellten Rund der vielzahlig versammelten Zuschauer keinerlei Erwiderung. Man schaut uns weiterhin nur mit versteinerter Mine an.

Direkt an dem Verkaufsstand nachgefragt, ernten wir einen weiteren verständnislosen Blick und ein ernüchterndes: „No, no tenemos aqua!“ Es gibt kein Wasser. Aber es gibt frischen Ananassaft. Nach einer Minute hat jeder von uns bereits zwei Becher auf Ex intus. Die Menge staunt, spendet jedoch keinerlei Applaus ob dieser herausragenden Trink-Geschwindigkeit und der beeindruckenden Synchronität beim Herunterstürzen des süßen, leckeren (Ana)Nass. Kommen wir aus einer anderen Galaxie oder warum wird jede unserer kleinen Bewegungen von so vielen Blicken aus dunklen Augen derart eindringlich verfolgt? Nach abschließendem Auffüllen unserer Trinkflaschen mit … Ananassaft natürlich … zahlen wir, setzen die Rucksäcke auf, ziehen unsere Mützen wieder tief ins Gesicht, verdecken die Augen mit Sonnenbrillen und kehren auf die Autopista Richtung Pinar del Rio zurück.

Weitere 15 Kilometen haben wir bewältigt, als plötzlich drei braungebrannte Gestalten in zerrissener, schmutziger Kleidung jenseits des Mittelstreifens der Autopista unsere Aufmerksamkeit erregen. Laut, aber fröhlich, rufen sie in unsere Richtung und winken dabei, doch recht Furcht einflößend, mit ihren Riesen-Macheten. Aus Angst vor Wegelagerei und Diebstahl unseres derzeit doch recht hohen Bargeldbestandes fahren wir langsam weiter, wirkt doch das Gerät in ihren Händen eher beängstigend. Und doch hat die gesamte Ausstrahlung dieser drei Kreaturen etwas sehr Sympathisches und Herzliches.

Eine halbe Stunde später sind wir froh, umgekehrt zu sein und uns zu den drei kubanischen Männern gesellt zu haben. Andernfalls hätten wir weder gelernt, selbst Kokosnüsse mit einem wohl vier Meter langen Ast direkt vom Baum zu pflücken, noch wären wir in den Genuss des erstaunlich kühlen Saftes aus der Mitte der Frucht gekommen. Wie gut, dass unsere drei immer noch nicht gerade ausgehfertig gekleideten, aber inzwischen lieb gewonnenen, Kollegen die Riesen-Macheten zum Öffnen der Nüsse dabei haben. Und so kippen wir gierig das erfrischende Nass gleichermaßen in unsere durstigen Kehlen und über unsere bis hierher noch relativ sauberen Rad-Shirts. Der anschließende Abschied von unseren drei freundlichen Straßenrand-Kumpels hat schon fast etwas Brüderliches. Was für tolle Menschen – arm, freundlich, offen, gebend. Wir sind beeindruckt und treten in die Pedale – immer noch voller Furcht, dass selbige am nächsten Berg der steigenden Belastung nicht gewachsen sein wird und abbricht …

Mit kalorienhaltigen Pommes, einem halben fettigen Hähnchen sowie einem kühlen Cristal-Pils im Bauch, welches wir an einer Snack-Bar nach rund 70 Kilometern verschlingen, kurbeln wir die letzten Autopista-Kilometer Richtung Abfahrt Soroa. Dabei amüsieren wir uns immer noch über die Gesichtsausdrücke der drei in der Snack-Bar ebenso pausierenden deutschen Kuba-Mit-Dem-Mietwagen-Erkundungs-Touristen nach unserer gezielt laut gesprochenen Aussage „Wie schön ist es doch, dieses Land mit dem Fahrrad zu erkunden. Mit dem Mietwagen würde einem wahrhaft viel entgehen.“ Herrlich! Was wäre das Leben ohne den einen oder anderen (zumindest für einen selbst) witzigen Spruch auf den Lippen?

So viel Spaß uns diese Aussage auf unserem weiteren Weg auch bereitet, so viel Mühe kostet uns die Bergauf-Fahrt zur wunderschön gelegenen Villa Soroa. Eine Strecke, die per Mietwagen wohl in weniger als einer Viertelstunde mit einem, zwei oder sogar drei Lächeln auf den Lippen zu bewältigen ist, verlangt uns sehr viel Muskelkraft, jeweils mindestens zwei Liter Schweiß und viele Flüche ab. Dass wir unsere Räder bei inzwischen 34 Grad Hitze, praller Sonne und mehreren 13- bis 15-prozentigen Anstiegen schieben, liegt nun nicht mehr alleine daran, dass wir Angst haben, unsere Pedale würden dem zunehmenden Druck nicht standhalten. Bei Anblick des Wasserfalles „El Salto“ freuen wir uns, nahe unserer ersten Unterkunft, der Villa Soroa, zu sein. Knapp 100 Kilometer und über 400 Höhenmeter liegen nach deutlich mehr als sechs Stunden im Sattel hinter uns.

Der Transport wichtiger Dokumente im Bauchbeutel während einer Kubareise darf als durchaus sinnvoll bezeichnet werden – selbst für denjenigen, der (naturgegeben oder selbst so gewählt) nicht über einen hierfür doch eigentlich notwendigen Bauch verfügt. Der Irrglaube jedoch, dass jeder Bauchbeutel auch wasserdicht ist, kann fatale Folgen beim Einchecken in einem Hotel haben. Insbesondere, wenn man mit einem schweißtreibenden Gefährt wie dem Fahrrad unterwegs ist. Und vor allen Dingen auch dann, wenn man den stark rinnenden Schweiß schwerpunktmäßig auf die Reservierungsnummer des Hotel-Vouchers (oder wie ein Mitreisender gerne mal zu sagen pflegt: „Voyager“) konzentriert, bis eben diese entscheidende Nummer nicht mehr zu identifizieren ist. Ekel, Unverständnis und Diskussionen an der Rezeption der Villa Soroa bei Anblick des klitschnassen Reservierungsbeleges …

Nach halbstündiger Verhandlung ist unbekannt, ob der Schweiß-Voyager … äääähhhh … -Voucher oder unser Unverständnis über die hiermit verbundenen Komplikationen dafür verantwortlich ist, dass wir nicht mit den anderen organisiert reisenden Rad-Touristen im Haupthaus schlafen dürfen. Offensichtlich ist jedoch, dass wir weitere 1.500 Meter und noch einmal 160 Höhenmeter vor uns haben, um unser erstes Radtour-Domizil zu erreichen. Gegenüber eines jederzeit lauten Riesen-Generators beziehen wir ‚unser’ Haus – mit eigenem Zimmer für jeden, eigenem gemeinsamen Pool und eigener gemeinsamer Küchen-Kakerlake. Der kühle Pool entschädigt schon bald für den schweren Aufstieg.

In Ermangelung eines Schlüssel-Mitarbeiters der Villa Soroa, welcher den Zugang zum Billard-Tisch ermöglichen könnte, zielen wir nach dem leckeren Abendessen neben einer illustren und in vielen Dialekten parlierenden Radreisegruppe nicht mit dem Queue auf halbe oder ganze Kugeln, sondern bewältigen erneut den beschwerlichen Aufstieg zu unserem einsam am Berg gelegenen Häuschen. Kurz darauf verriegeln wir unsere Türen von innen, um sodann die Decken über die schweren Glieder und die schwer gewordenen Lider über die Augen zu werfen.

Tiefer Schlaf in allen drei Gemächern, nur der Generator macht die Nacht durch …

Autor: Detlev Braack
Lektor: Christoph Witte
Foto: Carsten Feldmann und Christoph Witte
Abenteuersuchende: Carsten Feldmann, Detlev Braack und Christoph Witte

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